Object: Neuzeitliche Krüppelfürsorge

Wie steht es nun mit der Erziehung derjenigen Krüppel, die ent- 
weder nicht heimbedürftig sind oder infolge Überfüllung der Krüppel- 
heime dort vorläufig keine Aufnahme finden können? 
In vielen Fällen werden die schulpflichtigen Krüppelkinder die 
Volksschule ihres Ortes besuchen oder im Fahrstuhl hingebracht werden 
können, und es kann unter Umständen für den Charakter der Kinder 
gut sein, wenn sie durch das Beispiel der gesunden Kinder immer 
wieder angefeuert werden. Anders liegt es bei den Kindern mit 
schwersten Gebrechen wie Lähmungen der Extremitäten, Muskel- 
schwund, Hüftverrentung, schwere Nervenleiden, hochgradige Rachitis 
und Tuberkulose, schwere Wirbelsäulenentzündung usw. Selbst wenn 
sie regelmäßig in die Schule gebracht würden, könnten sie sehr häufig 
ihrer umständlichen Gipsverbände wegen nicht in den Normalbänten 
sitzen. 
Hier sind nur zwei Wege möglich, entweder Hausunterricht durch 
gut ausgebildete Lehrer, die in ländlichen Gegenden etwa durch den 
Kreis anzustellen wären, oder in größeren Städten durch Einrichtung 
ambulanter Krüppelschulen. Derartige Schulen bestehen in London 
bereits seit über 20 Jahren. Dort werden die Krüppelkinder durch 
Omnibusse von bestimmten Sammelplätzen abgeholt und in die Schule 
gebracht, in denen sie spezialärztlich behandelt werden, geeignete 
Nahrung und Beschäftigung erhalten und vor allen Dingen Unterricht 
von besonders vorgebildeten Lehrkräften bekommen. 
Leider haben diese Bestrebungen in Deutschland bisher erst wenig 
Nachahmung gefunden. Vor allem wird man vielfach die Kosten für 
die besonderen Schulbänke, die täglichen Fuyhrkosten für die 
Krüppel usw. scheuen. Und doch darf das angesichts der segensreichen 
Erfolge dieser Schulen kein Hinderungsgrund sein. In Breslau ist seit 
dem Jahre 1917 mit der Einrichtung einer ambulanten Krüppelschule 
ein guter Anfang gemacht worden. Die besten Erfolge konnten dort 
erzielt werden. 
Auf der fachgemäßen Erziehung unserer Krüppelkinder baut sich 
auch ihre Berufsausbildung auf. Bereits oben wurde die Wichtigkeit 
des Handfertigkeitsunterrichtes neben dem Unterrichte in den Normal- 
fächern erwähnt. Der Handfertigkeitsunterricht soll bereits vor der 
eigentlichen Berufsausbildung den Mangel oder die Schwäche des ein- 
zelnen Gliedes durch langandauernde, zielbewußte Übung der anderen 
Gliedmaßen kompensieren. Wünschenswert ist es, daß während des 
Handfertigkeitsunterrichtes vorbereitende einleitende Kurse in den ein- 
zelnen Handwerken stattfinden, damit der jugendliche Krüppel sich 
möglichst frühzeitig dafür entscheiden kann, für welches Handwerk er 
Neigung und Befähigung hat. Nicht immer ist der Wunsch des Pflege- 
kindes der richtige, wenn derselbe auch nach Möglichkeit berücksichtigt 
werden soll. Wir machen immer wieder die Erfahrung, daß bei 
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