Insgesamt bevölkerten 1913 die deutschen Kolonien 23 952
Deutsche, eine Zahl, die bevölkerungspolitisch überhaupt keine
Rolle spielt und von der überdies noch die Zahl 5000 der Schutz-
truppen abzuziehen ist. Wie wenig diese Zahl bedeutet, ergibt
sich weiter daraus, daß von den 32 Millionen Auslanddeutschen
vor dem Kriege rund ı4 Millionen auf die überseeischen Länder
entfielen. Auswanderungsziel waren trotz der umfangreichen
und kostspieligen Kolonialpropaganda nicht die afrikanischen
Sandwüsten, sondern die amerikanischen Industriegebiete. Im
Ernst kann heute niemand behaupten, daß die Verhältnisse sich
etwa ändern würden, wenn wir die ehemaligen deutschen Ko-
lonien zurückerhielten, Erforderten sie bereits vor dem Kriege
Zuschüsse aus Reichsmitteln von insgesamt etwa einer halben
Milliarde, so besteht kein Grund, anzunehmen, daß sich das ge-
ändert haben sollte. Nicht einmal zur Kapitalinvestition konn-
ten die deutschen Kolonien vor dem Kriege in irgendwie wesent-
lichem Maße herangezogen werden. Das gesamte in den Kolo-
nien angelegte Kapital betrug 1913 370 Millionen bei einem
Gesamtauslandskapital von etwa 40 Milliarden.
Und’ die Rolle des „Kulturbringers‘“ schließlich — mit der
Nilpferdpeitsche — ist eine Mission, die wir den Kolonial-
offizieren vom Schlage Lettow-Vorbecks nicht ein zweites Mal
übertragen möchten.
Mit aller Deutlichkeit und Entschiedenheit muß sich die
deutsche Sozialdemokratie gegen koloniale Unternehmungen
aller Art — sei es nun in der offenen Form der Kolonie oder der
verschleierten des Kolonialmandats — zur. Wehr setzen. Das
ist bisher leider nicht mit der notwendigen Klarheit geschehen.
Es ist eine durchaus zweideutige und unklare Formulierung,
wenn der außenpolitische Redner der Sozialdemokratie, Genosse
Breitscheid, in der Reichstagsdebatte vom 24. Juni 1927 sich zwar
gegen eine „aktive Kolonialpolitik‘“ aussprach, aber das „Recht
der Betätigung des Deutschtums in der ganzen Welt forderte“.
Was darunter zu verstehen ist, ist um so unklarer, als in der-
selben Rede ausdrücklich betont wurde, daß die Minderheiten-
frage für Deutschland kaum eine Rolle spiele, und die nationalen
Minderheiten sich heute „nicht beklagen könnten“,
Um was also geht es? Rest1ose Klarheit ist in dieser
Frage, in der wir uns in absoluter Gegnerschaft zu sämtlichen
bürgerlichen Parteien befinden, eine besonders drin-
gende Notwendigkeit!
Schließlich bleibt von allen Argumenten der Kolonialpoli-
tiker in Deutschland nur noch .das letzte: das „Prestige“
Deutschlands. Für sozialistische Politik dürften solche Gefühls-
momente einen politisch ernsthaft zu wertenden Faktor über-
haupt nicht darstellen. Aber wenn wir uns schon damit ausein-