Object: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

128 Drittes Buch. Der gefellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [386 
Und deshalb vor allem kann die Preisbildung auf den großen Transportanstalten nicht 
privaten Erwerbsgesellschaften allein in die Hand gegeben werden. 
Die Darstellung der verschiedenen Tarifsysteme, die Darlegung ihrer Höhe und 
Sätze im einzelnen gehört nicht hierher. Wir hatten der Tarife hier nur zu gedenken, 
als einer wichtigen Form der Preisbildung, als einer neuen Art des Tarxwesens. 
Das ganze Tarx- und Tarifwesen nebst allen Preiskonventionen steht heute als 
eine ebenbürtige Erscheinung neben der freien Marktpreisbildung. Die letzten Ursachen 
find dieselben; hier wie dort handelt es sich um kämpfende Kräfte und Gruppen, die 
bei einem Punkte zum zeitweiligen Kompromiß kommen; der neue Preis behauptet auf 
dem Markt für kürzere, auf dem Boden der Tarife für längere Zeit seine Autorität 
und Geltung. Wohl aber ist der gesellschaftliche Prozeß, der die Feststellung herbei— 
ührt, ein verschiedener; und unter den möglichen Motiven und Preisbestimmungs⸗ 
gründen, die eingreifen können, werden bei allen Tax- und Tarifbildungen die gemein— 
wirtschaftlichen, die Vorstellungen über Gerechtigkeit und Gesamtinteresse stärker ein— 
greifen. Dafür bleibt die freie Marktpreisbildung freier, beweglicher, anpafsungsfähiger; 
fie kann von den elementaren Grundlagen, von Angebot und Nachfrage, sich weniger 
loslösen, als es der Tax- und. Tarisbildung passieren kann. Zu falschen und un— 
zerechten Ergebnissen in einzelnen Fällen kann das Spiel des Marktes, wie die ge— 
sellschaftliche Thätigkeit von Taxbehörden, die Verabredung und die amtliche Tarif⸗ 
estsetzung führen. 
Beide Arten der Preisbildung haben ihre Vorzüge und Nachteile. Sie ergänzen 
ich und korrigieren sich. Ob in einer fernen Zukunft alle Preisbildung durch ein 
zffentliches Taxwesen zu bewerkstelligen wäre, wie es Schäffle neuerdings für nicht un— 
denkbar hält, ist eine heute nicht zu lösende Frage. Ich möchte sie negieren. Schäffle 
sügt selbst bei: ein allgemeines öffentliches Taxwesen würde großen Schwierigkeiten 
begegnen, welche heute durch die private Preisbildung auf den Waren- und Arbeits- 
maͤrkten leicht überwunden werden. Und eine unvollkommene Lösung des Problems 
önnte so viel Disharmonie zwischen Leistung und Einkommen herbeiführen, wie solche 
in der kapitalistischen Gesellschaft sich einstellt. 
Wir kommen nun zur Specialanalyse der Nachfrage und des Angebots. 
176. Die Analyfe der Nachfrage: die Nachfrage in ihren allgemeinen 
Zzügen und großen historischen Wandlungen; die Nachfrage nach Nähr— 
mitteln. Um die Nachfrage, so wie wir sie oben zunächst als eine gegebene Größe 
und dann als eine psychische Kraft der Individuen und gesellschaftlichen Gruppen erkannt 
haben, weiter zu analysieren, erinnern wir uns, daß sie in Begehrungen besteht, welche 
zuf Lust- und Schmerzgefühle, auf Bedürfnisse zurückgehen. Alle tiefer greifende Unter— 
iuchung der Nachfrage ging davon aus. 
Wir haben oben (18 11-18) aus den Lust- und Unlustgefühlen die Bedürfnisse 
und Triebe der Menschen abzuleiten gesucht; wir haben erwähnt, daß man Über die 
Bedürfnisse durch verschiedene Einteilungen sich klar zu werden suchte, daß man den 
Versuch machte, durch eine Art Messung der Lust- und Schmerzgefühle zu einem Ver— 
ständnis der Nachfrage zu kommen. Die österreichischen Werttheoretiker richteten ihre 
zanze Aufmerksamkeit auf die Frage, wie die Intensität des Begehrens nach einer be— 
stimmten Art von Gütern mit der Größe der Vorräte, entsprechend den verschiedenen 
möglichen Zwecken, denen sie dienen können, wechsle: das Begehren nach Weizen z. B. 
werde sehr stark sein, wenn der Vorrat nur zur knappen Lebensfristung, geringer, wenn 
er zur reichlichen Ernährung, zur Geflügelmästung, zum Branntweinbrennen oder gar 
zum Füttern von Papageien ausreiche; der Wert werde so in jedem Augenblick durch 
das mindest wichtige Bedürfnis, für welches der verfügbare Vorrat reiche, bestimmt. 
Der sogenannte Grenznutzen bedingt so die Intensivität der jeweiligen Nachfrage nach 
ꝛinem und demselben Gute. Die Nachfrage im ganzen, ihre Abstufung je nach den 
verschiedenen Bedürfnissen, ist aber damit nicht erkläri. 
Einen Versuch der Art hat Patten gemacht; er versucht, eine Genuß⸗ oder Kon⸗
	        
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