70
Le Play fühlte, wie wir sehen, von Anfang an, wo die größten
Hindernisse der wissenschaftlichen Objektivität zu suchen waren.
Aber diese Erkenntnis war nicht nachhaltig genug. Er fährt fort:
Glücklicherweise hielt ich mich vor dieser Schwierigkeit nicht lange auf.
Er glaubte sie dadurch zu überwinden, daß er sich genau an die
Anweisung eines seiner Lehrer hielt, der ihm jenes untrügliche Kri
terium des Wahren und Falschen gegeben hatte. Folgendermaßen
glaubte Le Play inmitten all der falschen Meinungen, die ihn
während der Anfänge seiner sozialen Forschungen umgaben, das
Wahre vom Falschen unterscheiden zu können:
Ich brauchte nur die Praxis der „Sozialen Autoritäten“ zu beobachten, die
mir von meinem Lehrer gekennzeichnet worden -waren, und die am häuslichen
Herd und an der Arbeitsstätte sich die Zuneigung und den Eespekt ihrer
Untergebenen bewahrt haben.
Also wieder der alte Zirkelschluß. Doch er bemerkte abermals,
daß die methode d’observation in der Sozialwissenschaft nicht so rasch
zu Erfolgen führte wie in den Naturwissenschaften. Unter der
gleichen Religion und Staatsform wurde das eine Volk glücklich,
das andere unglücklich. Mit anderen Worten: Le Play bemerkte,
daß die differenzierenden Momente im Völkerleben doch
zahlreicher sind, als er angenommen hatte. Er unterschied von jetzt
an außer den unveränderlichen Elementen jeder sozialen Konstitution
„Beobachtung des Sittengesetzes“ und „Sicherung des täglichen
Brotes“, noch weitere variable Elemente. Aber die Tragweite
der letzteren suchte er nicht zu ermitteln, und hinsichtlich der
ersteren hielt er fest an den einfachen, schematischen Vorstellungen,
die ihm von Jugend auf in Fleisch und Blut übergegangen waren.
Voraussetzungen und Vorurteile als innere Hemmungen.
Le Play war im Irrtum, wenn er glaubte, daß er durch den engsten
Anschluß an die „Sozialen Autoritäten“ die Einflüsse seiner Er
ziehung ausschalten könnte. Sie sind in Wahrheit immer vorhanden
gewesen und nie ganz zurückgedrängt worden. Als Le Play im
Jahre 1824 seine Studien in Paris begann, betrachtete er die politi
schen wie die sozialen Verhältnisse Frankreichs nicht mit unbe
fangenem Auge. Er hatte gar nicht die Absicht, zu prüfen, welche
guten und welche schlimmen Folgen die Umgestaltung der Dinge
seit 1789 gehabt hatten; er sah in der Revolution nur das Wirken
„falscher Ideen“, „falscher Dogmen“, die das Verschwinden der
alten nationalen Tradition verschuldet, teilweise sogar ihre Kenntnis