Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 201
Sinnsprüchen berührte er verwandte Aufgaben; die äußere
Größe des Reiches war sein Traum. Nach innen zu aber,
in der sozialen Betrachtung, wandte er all seine Sorge
zunächst der Hebung seines in Verfall geratenen Standes
zu; hier zum letztenmal zeigt sich ein beschränkter Sinn, ein
schneidender Widerspruch sonst schrankenlosen Denkens und enger
Geburt. Auf einem Zuge des schwäbischen Bundes gegen
seinen Erzfeind, Ulrich von Württemberg, hatte er den frommen
Ritter Franz von Sickingen kennen gelernt; mit ihm tauschte
er Freundschaft um Freundschaft, und beflügelt vom Denken
Huttens faßte Sickingen jene großen Pläne, die zur sozialen
Befreiung des Adels führen sollten, in Wahrheit freilich dessen
politische Vernichtung zur Folge hatten!.
Doch ehe Hutten diese schmerzlichste Enttäuschung erfuhr,
die ihn aus Deutschland verdrängte, hatte ihn eine noch viel
tiefere Strömung erfaßt. Schon längst war er, veranlaßt
durch seine italienischen Erfahrungen, in scharfen Gegensatz zum
Papsttum, zu seinem finanziellen Aussaugungssystem, zu seiner
dekretistischen Praxis geraten; beißend, papst- und kirchen⸗
feindlich ließ sich eine Anzahl seiner Dialoge vernehmen, vor
allem der Vadiscus. Nun aber war Luther aufgetreten und
hatte der bisherigen Kritik gegenüber der alten Kirche eine
Richtung aufs Positive gegeben, auf die Begründung einer
neuen Frömmigkeit. Früher als viele erkannte Hutten den
in die Tiefe bohrenden Geist Luthers; mächtig ist er von dem
Gedanken der Freiheit eines Christenmenschen bewegt worden.
Und so lief er herzu, griff zornesmutig in die Bewegung
ein und versuchte sie mit den Ansprüchen des Adels zu ver—
knüpfen. Er schrieb nun deutsch:
Latein ich vor geschrieben hab,
Das war eim Jeden nicht bekannt:
Jetzt schrei ich an das Vaterland.
Er suchte Verbindung mit Luther, er brach mit Erasmus, dem
kalten, kühlen Manne, der zur Person Luthers so wenig wie
Vgl. unten Buch XV Kapitel 2 Nr. III, 2.