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halb nur schädigt, wenn es dieser Erkenntnis zuwiderhandelt,
indem es die gegenwärtigen Genüsse überschätzt. Man kann
daher annehmen, daß vielleicht hier die perspektivische Unter-
schätzung zukünftiger Bedürfnisse eine geringere Rolle spielt,
als in einer Wirtschaft, wo sich ständig alles im Flusse befindet?).
Daraus folgt aber zugleich, daß, wenn auch Schumpeter
die Nichtexistenz des zweiten Grundes für seine Statik nachge-
wiesen hätte, für die Dynamik, wo sich alles immer mehr oder
weniger ändert, noch gar nichts gesagt ist. Damit läuft doch
Schumpeter wieder Gefahr, daß der zweite Grund in. der
Depressionsperiode sich auswirkt und der Zins hier nicht ohne
weiteres eliminiert werden kann, Man muß dann eben wieder
annehmen, daß die Depressionsperiode sehr lange dauert, so
lange, bis die Wirtschaftssubjekte eingesehen haben, daß die
Unterschätzung zukünftiger Bedürfnisse ihnen nur schadet,
Damit würde aber aufs neue der individuelle Charakter der
Schumpeterschen Statik demonstriert sein.
Es ist deshalb auch verständlich, wenn Schumpeter die
Tatsache der perspektivischen Unterschätzung zukünftiger
Genüsse ganz allgemein, also auch für die Dynamik als primäre,
nicht erst durch den anderweitig zu erklärenden Zins hervor-
gerufene Erscheinung und abgesehen von Risiken und anderen
1) Schumpeters zweites Argument gegen Böhm-Bawerks zweiten
Grund in seiner Bedeutung für die Statik lautet: „Es kommt aber noch
hinzu, daß normalerweise zu einem Vergleiche gegenwärtiger und zu-
künftiger Werte kein Anlaß vorhanden ist. Denn die Wirtschaft geht
Ihren bestimmten Weg. Sie ist auf gewisse Produktionen einmal ein-
Zerichtet. Der laufende Produktionsprozeß muß jedenfalls zu Ende ge-
führt werden. Da hilft kein Überschätzen gegenwärtiger Bedürfnisse.
Und wenn das geschehen ist, dann sind die künftigen Bedürfnisse zu gegen-
wärtigen geworden. Eine Wahl zwischen Gegenwart und Zukunft haben
die Wirtschaftssubjekte gar nicht‘ (Schumpeter, Entwicklung, S. 46).
Wir lehnen diesen Einwand im Anschluß an Böhm-Bawerk ab, der
wörtlich ausführt: „Und wenn schließlich Schumpeter als Argument
gegen die Wahlfreiheit anführt, daß „der laufende Produktionsprozeß
jedenfalls zu Ende geführt werden müsse“, so würde dieses Argument —
soweit es überhaupt tatsächlich zutrifft — doch höchstens beweisen können,
daß die einmal getroffene Wahl des Produktionsprozesses nicht mitten
in der Durchführung nachträglich rückgängig gemacht werden kann, nicht
aber, daß auch vor Beginn des Prozesses eine Wahl nicht stattgefunden
haben könne‘ (Böhm-Bawerk, Eine „dynamische Theorie“ d. Kapitalzinses,
5. 28 Anm. 22).