Metadata : Die deutsche Hausindustrie

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VII.  Kap.:  Selbfthilfe

Die  allmähliche  Überleitung  der  Heimarbeit  durch  Heimarbeitergenoffenfchaften
  oder  Zentralwerkftätten  zur  Produktivgen ­
  o  f  f  e  n  f  c  h  a  f  t,  zur  gemeinfamen  Herftellung  von  Gegenftänden  und
Verkauf  derfelben  auf  gemeinfame  Rechnung,  wurde  mancherorts,  namentlich
von  fozialiftifcher  Seite,  nicht  ohne  Erfolg  erftrebt.  So  haben  von  fieben  derartigen ­
  Unternehmungen,  von  denen  wir  1907  berichteten, 1 )  fünf  durchaus
günftige  Berichte  gefandt  (1913).  Eine  war  inzwifchen  in  Konkurs  geraten,
eine  andere  hatte  fich  aufgelöft.  In  der  zwifchen  den  Berichten  liegenden  Periode
hat  fich  beim  Konfumverein  Schney,  Oberfranken,  eine  eigne  Korbmacherwerkftatt
  gebildet,  die  23  Mitglieder  in  54ftündiger  Arbeitszeit  befchäftigt,
während  24  Heimarbeiter  teilweife  für  die  Genoffenfchaft  liefern,  die  auf  eignes
Rifiko  die  Körbe  kauft.  Die  übrigen  61  Korbmacher  in  der  Genoffenfchaft
beziehen  nur  das  Rohmaterial  von  ihr  und  verkaufen  nach  wie  vor  an  die  Verleger. ­
  Zeigt  diefe  Genof|enfchaft  ungefähr  alle  Stadien  der  Entwicklung  gleichzeitig ­
  auf,  fo  hat  fich  in  der  Genoffenfchaftsweberei  Oppach  i.  S.  inzwifchen
der  Übergang  von  der  Heimarbeit  zur  Produktivgenoffenfchaft  reftlos  vollzogen. ­
  Anftelle  von  20  Werkftatt-  und  30  Heimarbeitern  finden  wir  nunmehr
86  Arbeiter,  fämtlich  in  der  Werkftatt.  Die  Grofzeinkaufsgefellfchaft  Deutfcher
Konfumvereine,  Rechtsnachfolgerin  der  Tabakarbeitergenoffenfchaft  in  Hamburg, ­
  befchäftigt  in  drei  Fabriken  etwa  1000  Arbeiter  mit  ein  Viertel  bis  ein
Drittel  höhern  Löhnen  als  die  Privatinduftrie.  Die  Produktivgenoffenfchaft
der  Schneider  in  Jena,  mit  einem  Heimarbeiter  neben  15  Werkftattarbeitern,
zahlt  gegenüber  der  Privatinduftrie  den  um  10  Prozent  höhern  Tarif.  Die  Produktivgenoffenfchaft ­
  der  Schneider  in  Dresden-Seifhenriersdorf  zahlt  an  Werkftatt- ­
  und  Heimarbeiter  nach  dem  Tarif  höhere  Löhne  als  die  Privatinduftrie
und  läfzt  eine  Stunde  pro  Tag  weniger  arbeiten.
Ein  befonders  lehrreiches  Beifpiel  von  hausinduftriellen  Genoffenfchaftsgründungen
  foll  hier  noch  des  nähern  gefchildert  werden.  Unter  den  einfachen ­
  Verhältniffen  des  hohen  Schwarzwaldes  hat  fich  die  Holzwarengenoffenfehaft
  Bernau,  E.  G.  m.  u.  H.  in  Bernau  in  Baden  feit
nunmehr  16  Jahren  ruhig  und  ftetig  entwickelt. 2 )  Bernau  ift  der  Hauptfitz
der  alten  Schneflerei,  der  Verfertigung  von  Kübeln,  Schachteln,  Kochlöffeln,
Rechen  ufw.  Waren  zu  Beginn  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts
die  Verhältniffe  erträglich,  fo  führte  das  allmähliche  Entftehen  des  Händlerwefens
  zu  den  Schattenfeiten  der  Heimarbeit:  Preisdrückerei  mit  Hungerlöhnen, ­
  Truckfyftem,  Verfchuldung,  Verarmung.  Die  Abhängigkeit  von  den
„Soziale  Praxis“  XVI  972  f.
a )  Vgl.  Bittmann,  Hausinduftrie  und  Heimarbeit  in  Baden  4S0—505:
d  c  r  f  e  1  b  e  in  Mausinduftriepflege,  Wien  1909,  202  ff.
            
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