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Erstes Buch, Cap. 1.
mit Nothwendigkeit folgte, aus der sich eine Richtschnur für
positive Reform überhaupt ableiten liess, nicht entwickelte,
Von socialen Verhältnissen ist in den „Refleetions“ über-
haupt unendlich wenig die Rede. Der wirthschaftliche Druck,
unter dem die französischen Bauern seufzten, die Fesseln, in
die das alte Corporationswesen das gewerbliche Leben schlug,
kümmern Burke nicht. Er spricht nur von der freiheits-
widrigen Wirkung der in Frankreich geschaffenen Unsicher-
heit des Eigenthums und feiert den ritterlichen Geist des
alten Adels, ohne der unvermeidlichen neuen Aristokratie
des beweglichen Besitzes ihre Stellung anzuweisen — eine
Unterlassung , die um so wunderbarer ist, als Burke richtig
erkennt, dass die Gleichheitsbestrebungen mit nichtswürdiger
Herrschaft einer Assignaten-Geldaristokratie endigen mussten,
Auch in den späteren Schriften ist von Verständniss socia-
jer Fragen und socialer Umwälzuugen nichts zu verspüren.
Burke vertheidigt die Primogeniturgesetze, ohne die Gefahr
zu erkennen, die in dem Aussterben eines Standes kleiner
grundbesitzender Bauern liegt. Im „Appeal from the new to
the old Whigs“ von 1791 findet sich eine in der That wunder-
schöne Stelle (Bd. VI. S. 217) über die Bedeutung, die Pflich-
ten und Aufgaben der Aristokratie überhaupt. Aber es bleibt
bei einer sozusagen poetischen Verherrlichung des aristokati-
schen Gefühls, das tief im ganzen englischen Volk lebt, und
Burke denkt nicht daran, das Verhältniss näher zu präcisiren,
in das nach Maassgabe neuer Besitz- und Erwerbsverhältnisse
die verschiedenen Gruppen der herrschenden Classen zu ein-
ander und zum ganzen Volke treten sollen:
„Eine wahre natürliche Aristokratie repräsentirt nicht
ein Sonderinteresse im Staat und kann vom Staat nicht ge-
trennt werden. Sie ist ein wesentlicher integrirender Theil
jedes richtig constituirten grossen Gemeinwesens. Sie ent-
wickelt sich aus einer Summe legitimer Vorurtheile, die im
Allgemeinen für wirkliche Wahrheiten gelten müssen, Geboren
werden in geachteter Stellung; von Kindheit an nichts Nie-
driges und Schmutziges sehen; Selbstachtung lernen; an die
kritische Beobachtung durch das Auge der Oeffentlichkeit ge-