Metadata: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

194 Sechstes Buch. Zweites Kapitel. 
der Kapitelle und sonstigen Zierglieder des neuen romanischen 
Stiles! Verwendung fand, — überhaupt überallhin drang, wo 
deutscher Sinn künstlerische Wirkung verlangte. Denn noch 
ist dieses Zeitalter ein voll ornamentales, soweit es nationaler 
Kräfte allein sich rühmt; nie sind in Deutschland herrlichere 
Erzeugnisse ornamentalen Schaffens zu Tage getreten als in 
den großen Evangeliarien der Ottonischen Zeit, dem Evangeliar 
von Echternach etwa und dem Codex Pgberti, wie in den 
Ritualbüchern König Heinrichs II. für Bamberg, welche die 
Münchener Bibliothek jetzt unter ihren hervorragendsten Kost⸗ 
barkeiten bewahrt?. 
Im Laufe des 11. Jahrhunderts begann die Pflanzen⸗ 
ornamentik zu verfallen, aus der ersten Hälfte des 18. Jahr— 
hunderts liegen die letzten Erzeugnisse ihres Geistes vor. 
Inzwischen aber hatte die ornamentale Auffassung der 
Nation eine Wendung genommen, die den Übergang zu der 
ganz anderen Kunst der staufischen Zeit bezeichnet. In der 
ornamentalen Plastik namentlich Süddeutschlands und West⸗ 
falens verließ sie mit dem 12. Jahrhundert die alte Typik der 
Auffassung und ging zur konventionellen Darstellung über. 
Merkwürdigerweise erfolgte damit den Objekten der Darstellung 
nach zugleich ein Rückschlag auf das alte Kunstgebiet der Dar— 
stellung der Tiere. Aber nicht mehr das Tier schlechtweg in 
seinem Typus als Vogel, Vierfüßler oder Schlange ward jetzt 
in den abenteuerlichen Skulpturen der Freisinger Unterkirche 
oder des Wessobrunner Lettners, der Schottenkirche zu Regens— 
burg oder des Basler Münsters, des Doms zu Bamberg oder 
—DDD— 
viduelle Formen von Fabeltieren, von Drachen und Greifen, 
wie von heimischen Tieren erhielten konventionelle Gestaltung. 
Es war eine Bewegung, die dann noch das ganze staufische 
Zeitalter erfüllt hat, ja, die in den Prachtbauten der staufischen 
Das Ornamentale der Architektur bis zum Jahre 1000 etwa ist 
freilich im wesentlichen noch klassisch, — deutsche Ornamentik kommt nur 
hier und da schüchtern zum Durchbruch, z. B. in Gernrode. 
2 Val. unten S. 223 ff.
	        
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