Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Sechstes Buch. Zweites Kapitel. 
man mit einem möglichst einfachen, von autoritativer Über— 
lieferung dargereichten Schema an sie heranging: es ist die 
gleiche geistige Haltung, die auch die ästhetischen Anschauungen 
des Zeitalters beherrschte. 
IV. 
Die bildende Kunst der germanischen Stämme hatte schon 
in frühen Jahrhunderten den Übergang von der Bandornamentik 
der Urzeit zu der wild bewegten Tierornamentik des 6. bis 
8. Jahrhunderts bewältigt!. Die klassisch-irische Rezeption des 
Karlingischen Zeitalters hatte dann diesem Fortschritte Halt 
und Mäßigung gegeben: zwar erscheint auch in dieser Periode 
die germanische Ornamentik nicht weiter als bis zur einfachsten 
typischen Bewältigung des Tierleibes entwickelt, so daß nur 
selten sich individueller dargestellte Tiere, Adler und Löwen, 
Gänse und Hunde, als solche unterscheiden lassen, aber doch 
ergeben sich die Formen als reicher ins einzelne durchgebildet 
und symmetrischer geordnet. 
Zugleich aber hatte eine völlig neue Periode nationaler 
Kunstanschauung seit etwa Mitte des 9. Jahrhunderts einzu⸗ 
setzen begonnen: an Stelle der alten Tierornamentik trat all⸗ 
mählich, herrlich erblühend seit der Wende des 9. und 10. Jahr— 
hunderts, die Pflanzenornamentik der Ottonischen Zeit. 
Die tiefere Grundlage dieser Ornamentik ist allerdings 
noch dieselbe wie die der Tierornamentik. Hier wie dort 
handelt es sich um die typische Auffassung der Außenwelt; 
hier wie dort werden die naturalistischen Formen nur in den 
äußersten Umrissen wiedergegeben; wie noch in der Sprache 
unserer Frühzeit Eiche, Esche, Föhre, Tanne neben der speziellen 
Baumart „Baum“ überhaupt bedeuten?, wie in der Urzeit die 
Sprache jede besondere Bezeichnung für einzelne Blumen ent— 
behrt und nur das generelle Wort Blume kennt, so stellt auch 
die Pflanzenornamentik der ausgehenden Stammeszeit keine be— 
S. Band 1Ls, S. 388 ff. Lamprecht, Initialornamentik S. ' ff. 
2 Wir verstehen noch heute unter Tann jeden Forst; ahbd. tanesil 
ist der Waldesel.
	        
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