Object: Das Ich und der Staat

I. Das sstaatlose Ich t 
leicht im Zusammenhang mit geregelter Nahrungszufuhr ~ und 
mit dem Zwang zu geregelter Betätigung des Gegenteils. Sonst 
aber lebt das Ich, das schon ausgebreitete Studien im Raum ge- 
trieben hat, noch lange zeitlos dahin. Zwischen gestern, heute und 
morgen lernt es erst verhältnismäßig spät unterscheiden, und würde 
es nie lernen, wenn nicht die Umwelt, in und mit der es lebt, es 
dazu nötigte. 
Ob eigene. Erfahrung ein Ich, das sich selbst überlassen bliebe, 
mit Notwendigkeit zur Anschauung eines dreidimensionalen Raumes, 
zur Vorstellung einer, an räumlichen Entfernungen meßbaren Zeit 
führen würde wer wills glaubhaft nachweisen? 
Tatsache ist, daß das Ich durch Erfahrung und Erziehung in die 
Anschauung von Raum und Zeit hineingezogen wird, die die Kultur- 
menschheit sich im Lauf ungezählter Jahrtausende erarbeitet hat. 
Diese Arbeit, das werdende Ich in Formen hineinzuziehen, die für 
das Leben in und mit der Kulturmenschheit unentbehrlich sind, leistet 
die Familie. 
Der Raum ist innerhalb der Kulturmensschheit die allgemein 
gültige Form des Seins, die Zeit die allgemein gültige Form des 
Werdens. Außerdem bedarf die Kulturmenschheit noch einer Form 
für den Verkehr von Ich zu Ich. Diese Form mit allgemeinster 
Gültigkeit, wie die Raum- und Zeitvorsstellung zu entwickeln, ist die 
Kulturmensschheit nicht imstande gewesen. Die Allgemeinheit reicht 
hier nur bis zur Grenze der Volksgemeinschaft. In ihrem Dienst 
übermittelt die Familie dem werdenden Ich das geistige Verkehrs- 
mittel der Sprache. 
Ob ein Ich auch ohne Erziehung lernen würde, sich in Raum und 
Zeit zurechtzufinden, darüber mag man allenfalls streiten; daß kein 
Ich ohne Erziehung eine Sprache sprechen lernen würde, darf man 
hoffentlich als unbestrittene Tatsache hinstellen. 
Das Innenleben des werdenden Ichs, soweit es sich durch Be- 
obachtung erschließen läßt, ist von Haus aus gänzlich formlos. Die 
Ausdrucksformen, die das wachsende und gedeihende Ich seinem 
Innenleben aus Eigenem gibt, sind für die Mitwelt nur teilweise 
erfreulich, jedenfalls für einen geregelten Verkehr auf die Dauer 
unbrauchbar. Durch den kaum merklichen Zwang unausweichlicher 
Gewöhnung wird das Ich genötigt, in die weitreichende Verkehrs-
	        
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