Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 609
weil der Boden unbeweglich ist und infolgedessen keine Ortsveränderung
oder Vermehrung gestattet, wie die anderen Kapitalien. — Als endlich
Kart. Menger 1872 in seinen Grundsätzen der Volkswirtschafts
lehre den Grund der modernen Wertlehre legte, beeilte er sich, die Theorie
der Rente in die allgemeine Preistheorie einzubeziehen, indem er kate
gorisch behauptete: „Die Bodenbenutzungen stehen demnach rücksicht
lieh ihres Wertes unter keinen anderen allgemeinen Gesetzen als z. B. die
Nutzungen von Maschinen, Werkzeugen, Wohnhäusern, Fabriken, ja
als alle übrigen ökonomischen Güter, welcher Art sie auch immer sein
mögen“ 1 ).
Den einzigen Unterschied, den die heutigen Nationalökonomen zwi
schen den so verstandenen Renten anerkennen, ist ihre mehr oder weniger
lange Dauer. Die einen, wie die von einer Maschine höherer Qualität
gelieferten, verschwinden sehr schnell, da man mit Leichtigkeit neue,
konkurrierende Maschinen herstellen kann; andere bleiben im Gegenteil
während einer langen Zeit an das gleiche produktive Element gebunden:
es sind dies alle die, die auf natürliche Qualitäten, sei es des Bodens, sei
es des Menschen beruhen. Um die Ausdrucksweise Pareto’s anzuwenden 1 2 ),
sind die von einem bestimmten Kapital gelieferten Renten mehr oder
weniger dauerhaft, je nachdem die Ersparnisse sich mehr oder we
niger leicht in ein solches Kapital verwandeln lassen. In der Zu
sammenfassung seiner scharfsinnigen Erklärungen über den vorliegen
den Gegenstand erklärt Marshall: „Wenn wir von den freien Geschenken
der Natur zu den ständigen Meliorationen des Bodens, von da zu weniger
dauerhaften Verbesserungen, und von diesen wieder zu landwirtschaft
1 ) Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, S. 148.
2 ) „Die Summe, die man für den Gebrauch des Bodens zahlt, unterscheidet
s *ch in nichts von der Summe, die man für den Gebrauch jedes anderen Kapitals zahlt,
z - B. den einer Maschine. Wenn man den Boden — oder die Maschine — im gleichen
Zustand, wie man sie erhalten hat, zurückgibt, so zahlt man noch etwas dazu, einfach
deshalb, weil diese Kapitalien wirtschaftlich selten sind, d. h. weil sie in unserer
Reichweite nicht in einer Menge vorhanden sind, die die übersteigt, deren wir bedürfen.
Was den Boden von der Maschine unterscheidet, ist, daß das Gesparte sich leicht in
neue Maschinen umwandeln läßt, während es sich gewöhnlich nicht in neuen Boden
Verwandeln kann, oder wenigstens kann diese Umwandlung nur zu Preisen geschehen,
die sie wirtschaftlich unmöglich machen.“ Pareto, Cours d ! öconomie politique,
B. II, ■§ 759). — In analogen Ausdrücken sagt Marshall: „Der Unterschied zwischen
der Bodenrente und den Quasi-Renten anderer Gegenstände (Marshall nennt Quasi-
Renten die Einkommen, die der Bodenrente ähnlich sind, aber nicht aus Naturquellen
Hießen) beruht auf der Tatsache, daß der Mietpreis der anderen Gegenstände, unter
gewöhnlichen Umständen und auf die Dauer, die normalen Profite, die sich über die
Produktionskosten hinaus ergeben, nicht weit übersteigen kann, während das Angebot
a n fruchtbarem Boden sich der Nachfrage nach solchem Boden nicht schnell genug
a nzupassen vermag; deshalb vermag das Einkommen, das daraus gezogen werden kann,
ständig die normalen Profite, die sich über die Ausgaben für die Vorbereitung des Bodens
a uf die Kultur ergeben, weit zu übersteigen 1 * (Principles, B. V, Kap. IX, § 4).
Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 2. Aufl. 39