Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Waffengänge Osterreichs u. Preußens: Preußen europ. Großmacht. 815 
Hand begriffen. Sollte das nun Österreich, nach seinen Ver— 
lusten an Preußen, ruhig mit ansehen? Wie schon Karl VII. 
von Bayern aus versucht hatte, den Besitz der beiden mächtigsten 
Fürstengeschlechter des Südens, der Habsburger und der 
Wittelsbacher, unter einem Zepter zu vereinigen, so versuchte 
es jetzt, von Österreich aus, Kaiser Joseph. 
Karl Theodor von der Pfalz war kinderlos; er kümmerte 
sich wenig um das Nachfolgerecht, das eine Pfalz-Zweibrückner 
Nebenlinie nach ihm geltend machen konnte: und so gelang es 
der österreichischen Politik, ihn, Anfang 1778, zu einem Ver— 
trage zu bewegen, indem er einen Erbanspruch Osterreichs 
auf alle jene bayrischen Gebiete anerkannte, die Herzog Wilhelm 
von Bayern auf Grund einer Teilung von 1353 besessen 
hatte — nach österreichischer Auslegung gehörte dazu 
namentlich ein großer Teil von Niederbayern —, weiterhin 
die Herrfchaft Mindelheim abtrat und das Recht der Krone 
Böhmen zur Einziehung der böhmischen Lehen in der 
Oberpfalz zuließ. Zur Abrundung der damit anerkannten 
zsterreichischen Rechte wurde weiter ein Landesaustausch vor⸗ 
behalten, in dem Kaiser Joseph, eventuell unter Dreingabe noch 
vorhandener vorderösterreichischer Besitzungen am Oberrhein, 
vielleicht auch Limburgs, Luxemburgs und der österreichischen 
Anwartschaft auf Württemberg, womöglich ganz Ober— und 
Niederbayern östlich einer Linie von dem böhmischen Wald— 
münchen bis Donauwörth zu erhalten hoffte. 
Und schon am 16. Januar 1778 rückten 10000 Hsterreicher 
zur Besitzergreifung in die abgetretenen Gebiete ein: ohne daß 
zunächst ein Widerspruch erfolgte: „Alle Welt scheint ruhig 
und zufrieden,“ konnte der Kaiser noch Ende Januar schreiben. 
Allein bald zeigte sich, daß man mit dem Widerspruch Preußens 
zu rechnen hatte. 
Noch vor dem Tode Marimilian Josephs, doch wohl 
sicher schon in Erwartung der bayrischen Erbfolgefrage hatte 
Osterreich Preußen durch Untergrabung seiner europäischen 
Machtstellung zu schwächen gesucht. Da in dieser Zeit und 
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