Die Wirtschaft der patriarchalischen Familie. 243
von Absatz und Kredit ab; ihr Hauptzweck ist die Eigenwirtschaft. Die fämtlichen
Familiengenossen sind zugleich Wirtschaftsgenossen und haben wirtschaftlich mit keinem
Nichtfamiliengenossen viel zu thun. So hart ein Teil der Familienglieder oft behandelt
werden mochte, ihre Stellung als Hausgenossen und der enge Zweck der Eigenwirtschaft
schützte sie vor allzu hartem Drucke. Die leidliche Behandlung aller Glieder hat in
der patriarchalischen Familie so lange gedauert, als die Eigenversorgung ihr Lebens—
princip blieb. Erst als fie anfing für den Markt zu arbeiten, dadurch große Gewinne
erzielte, als hiermit die Gewinn- und Habsucht neben dem Sinn für technischen Fort—
schritt entstand, wuchs die Mißhandlung der unteren Glieder der Familie, des Gesindes,
der Sklaven.
Die ältere Hütte, die Individuen oder Muttergruppen diente, hatte bei einzelnen
Stämmen schon zur Zeit des Mutterrechtes größeren Sippenhäusern Platz gemacht, die
aber doch mehr eine Anhäufung zahlreicher schlechter Hütten unter einem Dache waren.
Nun wird das Zelt der Nomadenfamilie ein gegliederter Organismus mit einer Reihe
von Abteilungen, und das Haus des Ackerbauers erhält nach und nach seine feste, teil—
weise noch vorhandene Gestalt; um das Atrium, die Halle der patriarchalischen Familie
mit dem Ehebette des Hausvaiers, fügen sich die Schlafgemache der verheirateten Kinder
und der dienenden Kräfte; der Wirtschaftshof gliedert sich nach den Zwecken des Be—
triebes, er wird mit einer Umfriedigung umgeben; die Tiere, die Vorräte, die Gerät—
schaften erhalten ihre besonderen Räume; die Holzhäuser, die noch in Perikles' Tagen
und noch im 12. und 18. Jahrhundert in den deutschen Städten zu der beweglichen
Habe gerechnet werden, nehmen nun unter der Leitung der Familienväter festere Gestalt
aus Holz, Stein und Mörtel an, werden für Generationen hergestellt (vergl. oben
S. 203 -205). Die bauliche Einrichtung der patriarchalischen Wohnung schafft die
Gewohnheiten, die festen Sitten, welche nun das Geschäft und die Freuden, die Arbeit
und die Ruhe regeln. Nicht umsonst hat man daher die Entstehung der Hauswirtschaft
als das Ende der Barbarei, als den Anfang der höheren Kultur bezeichnet; nicht um—
sonst benennen alle Kulturvölker noch heute alle Wirtschaft mit dem griechischen Worte
„Haus“ omα — als Hkonomie.
An das Haus und seine Einrichtungen schließt sich die nunmehr vom Manne
jystematisch geleitete Arbeitsteilung der Familie an. Die Verschiedenheit von Geschlecht
und Kraft hatte von jeher den Mann auf die Jagd, den Kampf, die Tierzucht, die
Frau auf das Sammeln von Beeren, auf den Hack- und Ackerbau, das Vorrätesammeln,
die Unterhaltung des Feuers gewiesen; die Herrschaft des Mannes bürdete ihr nach dem
Siege des Vaterrechtes wohl oft zunächst noch mehr auf, machte sie zur Sklavin. Aber
gerade bei den edleren Rassen verschafften der Gattin ihre hauswirtschaftlichen Künste
doch wohl bald eine bessere Stellung in dem gemeinsamen Haushalt. Der viehzüchtende,
jagende und in den Kampf ziehende Mann übernimmt neben der Rodung nun auch die
schwere Ackerarbeit, das Pflügen; das bedeutete eine große Veränderung in den Funktionen
der Frau; ihre Kräfte werden so für die Bereitung der Speisen und Kleidung, für die
Erhaltung der Vorräte, für die innere Leitung der Hauswirtschaft, vor allem für die
Erziehung der Kinder freier. Und an die Arbeitsteilung von Mann und Frau schließt
sich die der Söhne und Töchter, der Knechte und Mägde, und es entstehen so im
patriarchalischen Hause feste Typen von hauswirtschaftlichen Ämtern, von arbeitsteiligen
Handwerksarten als Keime späterer selbständiger Organisationen. —
Die geordnete Hauswirtschaft der patriarchalischen Familie wird in dieser Weise
für mehrere Tausend Jahre, für die Epoche der älteren asiatischen und griechisch-römischen
Kultur bis über das Ende des Mittelalters hinaus, sie ist noch für viele Völker und
fociale Klassen bis zur Gegenwart das einzige oder das wichtigste gesellschaftliche Organ,
um die Menschen fortzupflanzen, zu erziehen und um sie mit wirtschaftlichen Gütern zu
versorgen; es war das erste, das dem Individuum als solchem planvoll und im ganzen
die wirtschaftliche Fürsorge abnahm, um sie einer fest organisierten Gruppe von Individuen
zu übergeben; es war das Organ, welches die Menschen eine geordnete Hauswirtschaft
zu führen, einen erheblichen Herden- und Landbesitz, sowie Vermögen überhaupt zu ver—
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