Full text : Die Lage der Landwirtschaft in Ostpreussen

<U

Anlage 1.

Gutachten
des Landeshauptmanns der Provinz Ostpreußen über
die ostpreußischen Wegeverhältnisse.

Das Straßenwesen der Provinz Ostpreußen wird von wesentlich ungünstigeren
 Verhältnissen als in anderen deutschen Landesteilen beeinflußt; insbesondere
 gilt dies von den natürlichen Vorbedingungen und von der geschichtlichen
 Entwicklung.
Das Klima der Provinz ist, entsprechend ihrer geographischen Lage, das
härteste von ganz Deutschland. Selbst dem mittleren Norddeutschland gegenüber
weist Ostpreußen einen bedeutend längeren Winter auf. In dem 40jährigen Zeitraum
 von 1881 bis 1920 wurden in Königsberg durchschnittlich 108 Frosttage
gezählt, dagegen in Berlin nur 76 Frosttage. Der Winter in Ostpreußen währt
also reichlich einen Monat länger als in Brandenburg. Dieser längere Winter verkürzt
 in empfindlicher Weise die Bauzeit, die für Straßenbauten aller Art und insbesondere
 zur Ausführung von Unterhaltungsarbeiten verfügbar ist. Sehr nachteilig
 für die Straßen wirkt sich überdies der länger anhaltende häufige Wechsel
von Frost und Tauwetter aus, bei dem die Schotterdecken der. Straßen durchweicht
werden, so daß sie der starken Inanspruchnahme durch Lastkraftwagen nicht mehr
genügend widerstehen, was zu Durchbrüchen dieser Wagen durch die Straßendecke
führt.
Neben dem harten Klima macht sich in Ostpreußen noch ein weiterer natürlicher
 Umstand, das Fehlen aller Hartgesteine, höchst ungünstig für das Straßenwesen
 bemerkbar. Die Provinz besitzt an Gesteinen nur Findlinge, die in der
Eiszeit aus den nordischen Ländern durch die Gletscher herbeigeschafft. worden
eind. Bei dem Bau der ostpreußischen Straßen mußten selbstverständlich diese
einheimischen Steine Verwendung finden. Erhebliche Nachteile haben sich daraus
nicht ergeben, so lange nur Pferdefuhrwerke verkehrten. Nach Einführung der
Kraftwagen zeigte sich aber, daß der Schotter aus Findlingen den erhöhten Angriffen
 nicht gewachsen ist, weil die einzelnen Steine, wie schon ihre verschiedenartige
 Farbe erkennen läßt, durchaus nicht einheitlicher Art sind und infolgedessen
auch ganz ungleiche Härte besitzen. Die weicheren Schotterstücke werden durch
die schweren Stöße der Lastkraftwagen sehr schnell zertrümmert; die Schlaglochbildung
 in der Straßendecke tritt daher viel rascher ein als bei Straßen, deren
Decke aus gleichartigem Schotter von Hartgestein aus Sfeinbrüchen hergestellt ist.
Diese Erkenntnis zwingt nunmehr dazu, bei Neuschüttung der Straßendecken in
Ostpreußen in immer größerem Umfange Schotter aus Hartgestein (Basalt, Diorit,
Porphyr usw.) zu verwenden, Auf besonders schwer belasteten Straßen wird es
sogar nötig, Decken aus Groß- oder Kleinpflaster (Granit) herzustellen. Da diese
Gesteine aber im Lande selbst nicht vorhanden sind, müssen sie aus Steinbrüchen
in Schlesien oder Sachsen bezogen werden. Ostpreußen befindet sich daher sehr stark
im Nachteil gegenüber den teilweise gebirgigen Provinzen, in denen Hartgesteine
gebrochen werden. Aber auch gegenüber anderen Provinzen wie Brandenburg,
Pommern und Schleswig-Holstein, die selbst keine Steinbrüche aufweisen, ist Ostpreußen
 empfindlich durch seine wesentlich größere Entfernung von den Stein-Enauete-Ausschuß.

 IJ. Band 8.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.