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liegt. Es sind in der Provinz nur rund 3200 km Vollspurbahnen vorhanden, und
es müßten noch rund 1100 km solcher Bahnen hergestellt werden, um die gleiche
Ausstattung mit Eisenbahnen wie im preußischen Durchschnitt zu erreichen. Es
ist aber bestimmt zu erwarten, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur
noch eine geringe Zahl von Eisenbahnen in Ostpreußen gebaut werden wird, und
deshalb müssen in dieser Provinz die Straßen unter Ausnutzung des Kraftwagens
in stärkerem Maße wie in anderen Provinzen als Ersatz für fehlende Eisenbahnen
dienen.
Die Vermehrung der Straßen in Ostpreußen steht in engem Zusammenhang
mit der angestrebten dichteren Besiedlung des Landes; nur wenn in ausreichendem
Maße neue Straßen geschaffen werden, können auch in den bisher für den Verkehr
mangelhaft erschlossenen Landesteilen größere Menschenmengen als bisher in wirt-
schaftlich befriedigenden Verhältnissen leben. Ebenso bildet die Vermehrung des
Straßennetzes ein sehr wirksames Mittel, um die bedauerliche Abwanderung aus
Ostpreußen zu bekämpfen. Wenn hier jahrzehntelang durch umfangreiche Straßen-
bauten vermehrte Arbeitsgelegenheit geschaffen wird, so werden zahlreiche Landes-
einwohner, die jetzt durch die günstigeren Aussichten des Arbeitsmarktes nach dem
Westen gelockt werden, in Ostpreußen bleiben. Sie finden dann in ihrer Heimat
ausreichende Arbeit und können außerdem bestimmt damit rechnen, daß durch
diese Verkehrsverbesserungen das Wirtschafteleben hier einen Ansporn zur
rascheren Entwicklung erfährt. Besonders ist noch darauf hinzuweisen, daß die
aus Ostpreußen nach dem Westen abwandernden Arbeitskräfte dort die Zahl der
Arbeitslosen vermehren; um so mehr muß versucht werden, diese Arbeitskräfte in
Ostpreußen selbst festzuhalten, und hierzu gibt es kaum ein geeigneteres Mittel
als eine erhöhte Bautätigkeit der öffentlichen Körperschaften, wie sie gerade durch
Straßenbau in fast allen Teilen der Provinz möglich ist.
Der Neubau von jährlich 200 km Straßen im Laufe der nächsten 30 Jahre
ist eine Aufgabe, die durch die Finanzkraft der Provinz und ihrer Kreise allein
keinesfalls gelöst werden kann. Im Durchschnitt wird 1 km Straßenneubau künftig
atwa 50 000 RM. kosten, so daß der Neubau von 200 km Straßen einen jährlichen
Aufwand von 10 Millionen RM. erfordert. Bereits in den letzten Jahren haben
Provinz und Kreise in Erkenntnis der Wichtigkeit des Straßenneubaues möglichst
große Summen für diesen Zweck bereitgestellt. Während die Provinz in der Vor-
kriegszeit den Straßenneubau nur mit jährlich 500000 M. unterstützte, hat sie
in den letzten Jahren 1 bis 144 Millionen RM. für diesen Zweck aufgewendet. Aus
dieser Summe gewährt der Provinzialverband Ostpreußen den. bauausführenden
Kreisen zumeist 40 %, in einzelnen Fällen sogar bis zu 60 % der Neubaukosten
als Zuschuß, womit er wesentlich über das hinausgeht, was von allen anderen
Provinzen in dieser Beziehung geleistet wird. Der Aufwand der ostpreußischen
Kreise selbst für Straßenneubau in den letzten Jahren hat sich zwischen 11% und
2 Millionen RM. bewegt. In Ostpreußen sind inegesamt jährlich etwa 3 bis
4 Millionen RM. für Straßenneubau verausgabt worden, einschließlich der Beiträge
aus anderen Quellen, z.B. vom Forstfiskus, von einzelnen Anliegern und aus der
wertschaffenden Erwerbslosenfürsorge. Gerade durch die hohen Ausgaben für
Straßenneubau sind zahlreiche Kreise der Provinz in eine sehr schwierige Finanz-
lage geraten, da sie diese Mittel nicht aus ihren laufenden Einnahmen bestreiten
konnten, sondern meist durch Anleihen, vielfach sogar nur in Gestalt von kurz-
fristigen Darlehen, beschaffen mußten. Eine höhere finanzielle Anspannung von
Provinz und Kreisen für den Straßenneubau kann daher auch künftig keinesfalls
erfolgen. Das bedeutet aber, daß aus eigener Kraft der Provinz jährlich nur
atwa 60 his 80 km nene Straßen fertiggestellt werden können: die Provinz würde