Full text : Die Lage der Landwirtschaft in Ostpreussen

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Der Krieg brachte der Warmblutzucht empfindliche Schläge. Nach Angaben
von Sachverständigen haben die züchterisch besten ostpreußischen Kreise Pillkallen
 und Stallupönen 90 % ihres Bestandes an eingetragenen Warmblutstuten
durch den Krieg verloren. In anderen Kreisen betrug der Verlust 60—80 %.
Nach Stabilisierung der Währung brach 1924 eine schwere Krise über die
ostpreußische Warmblutzucht herein, die mit unveränderter Schärfe bis heute
anhält. Die Hauptursache der heutigen Notlage liegt darin, daß infolge der
Heeresverminderung die ostpreußischen Remontelieferungen von 12 000 his 14 000
auf 2300 bis 2400 Stück, also auf 18 % zurückgingen. Die Krise wird durch folgende
 Angaben der Landwirtschaftskammer Königsberg verdeutlicht: In der Vorkriegszeit
 wurden. in Ostpreußen von staatlichen warmblütigen Beschälern rund
51 000 Stuten gedeckt, im Jahre 1928 dagegen nur 20 000, das ist ein Rückgang
auf 40 %; an Fohlen wurden im letzten Jahre der Vorkriegszeit rund 32000 Stück
geboren, 1928 rund 12 000, das ist ein Rückgang auf 38 %. .
Trotz dieses starken Rückganges leidet die Warmblutzucht der ostpreußischen
Landwirte auch heute noch unter einer Überproduktion; denn der Hauptabsatz
(Remonten) ist auf 18% gesunken, während die Produktion noch 38 % ihres Vorkriegsumfanges
 aufweist. Diese Bedarfsminderung muß als eine Dauererscheinung
 angesehen werden. Man sucht diesem Umstande in Ostpreußen durch Veränderung
 des Zuchtzieles in der Warmblutzucht Rechnung zu tragen. Das neue
Zuchtziel lautet: Verstärkung des ostpreußischen Warmblüters. Hierdurch hofft
man, zu einem verstärkten Absatz von Arbeitspferden zu kommen. Gegenwärtig
kann dieses Ziel noch nicht als erreicht betrachtet werden.
Die ostpreußische Warmblutzucht lag vor dem Kriege und liegt auch heute
noch vorwiegend in bäuerlichen Händen. Der ostpreußische Landwirt, ganz besonders
 der kleine Landwirt, ist an der Pferdezucht sehr interessiert, denn er
braucht in den vier bis fünf Sommermonaten mehr Pferde auf der Flächeneinheit.
als im übrigen Deutschland (vgl. S. 5). Eine Möglichkeit, diese Belastung zu
mindern, war bisher dadurch gegeben, daß er Stuten hielt und Fohlen zog und verkaufte.
 Während nun dieser Fohlenverkauf vor dem Kriege gut vonstatten ging,
stockt er heute, Gerade der kleine Landwirt ist aber auf diesen Verkauf angewiesen;
 denn er hat weder Futter noch Platz zur Aufzucht der Tiere. Die Folge
ist, daß er, um überhaupt etwas zu erlösen, die besten Fohlen zu mäßigen Preisen,
auch Stutfohlen, verkauft, und das züchterisch weniger wertvolle Material behält.
Darin liegt eine große Gefahr für die Rentabilität sowohl der ostpreußischen
bäuerlichen Wirtschaften als auch für die Existenz der ostpreußischen Warmblutzucht.

Besonders schwierig sind die Verhältnisse im Edelzuchtgebiet, welches durch
den Remonteausfall am stärksten betroffen worden ist. Die bäuerlichen Zuchtstätten
 sind hier in besonders starkem Rückgang begriffen, was aus folgenden Angaben
 der Landwirtschaftskammer Königsberg deutlich hervorgeht:
In dem Edelzuchtgebiet (Regierungsbezirk Gumbinnen) wurden
gedeckt
im Jahre 1914 273854 reinblütige ostpreußische Stuten
1924 26046
1925 18288
1926 11926
1927 117938

geboren
20470 Fohlen
14828
14109
10 473
6875

Das ist in der Bedeckung ein Rückgang auf 43 % und in der Zahl der geborenen
 Fohlen ein Rückgang auf 34% der Zahlen von 1914.
            
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