Object: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 377 
gerückt; erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gelang 
es der Kurie, nachdem sie im Kampfe gegen die neuen kaiser⸗ 
lichen Ansprüche Friedrichs J. wiederum weltlich gestärkt war, 
die bernhardinischen Forderungen in Vergessenheit zu bringen. 
In Deutschland fanden die soeben geschilderten romanischen 
Geistesströmungen nur teilweis Aufnahme, am wenigsten die 
dialektischen Befreiungsversuche Abälards und seiner Schüler 
und Vorgänger: die Nation nahm, müde der kirchlichen und 
religiösen Fragen, deren Durchkämpfung ihr so viel Herzeleid 
gebracht hatte, je länger je mehr die Wendung auf Entwickelung 
eines laienhaften Geisteslebens im Rittertum, auf den Kultus 
der Frou Werlt: dieser Kultus bezeichnet dann das folgende, 
staufische Zeitalter unserer Geschichte!. 
Allein in den ersten friedensbedürftigen Jahrzehnten des 
12. Jahrhunderts schlug doch noch manches Herz den neuen 
Formen der Frömmigkeit freudig und in selbstthätiger An— 
eignung entgegen, und vor allem die Forderung eines kirchlichen 
Armutsideals fand auch in Deutschland Verbreitung. Die 
Hirsauer Laienbrüderschaften, nach dem Verfall der Kongregation 
geistlicher Fuhrung vielfach entbrechend, begannen sich hier und 
da zu engsten Genossenschaften auf kommunistisch-asketischer 
Grundlage umzuformen; sie wollten das Armutsleben der 
Apostel alsbald praktisch ins Werk setzen, und schon entwuchsen 
ihren Konventikeln die Anfänge einer visionären Mystik, kraft 
deren der Geist vornehmlich in Jungfrauen, wie der seligen 
Herluca, mit besonderem Zeugnisse wirkte. Und andererseits 
entsproß dem religiös so fruchtbaren Boden Lothringens die 
weitverbreitete Sekte der Apostolischen, die wie die Petrobrusianer 
das Wesentliche der Tradition verwarfen: in der Entsagung 
Freilich hielt die Härese nun auch in Deutschland ihren Einzug. 
Während sie im 11. Jahrhundert nur als fremdes Gewächs erschienen 
war, schoß sie jetzt selbständig empor und fand in Tanchelm am Nieder— 
rhein einen ersten Vertreter, dessen mira subtilitas et versutia sogar ein 
Gegner rühmte. Tanchelm hetzte zum Kampfe gegen die Bischöfe und 
gegen den Papst. Schließlich setzte sich der Klerus gegen ihn, den 
Inspirierten, zur Wehr: 1115 ist er von einem Priester erschlagen worden. 
Vgl. Hauck III, 4831; IV, 87 ff. und Vacandard II, 202 ff.
	        
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