Full text: Die Lage der Landwirtschaft in Ostpreussen

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schaftsgebiet zu Wirtschaftsgebiet starke Unterschiede in der Verschuldung zu 
verzeichnen sind, 
Als erste. Ursache für das rasche Anwachsen der landwirtschaftlichen Ver- 
schuldung müssen die Verluste bezeichhet‘ werden, welche der Krieg und die 
arsten Nachkriegsjahre der Substanz der landwirtschaftlichen Betriebe 
zugefügt haben. Die Einwirkungen des Krieges haben nicht so sehr in direkten 
Zerstörungen als vielmehr hauptsächlich in der Entziehung lebensnotwendiger 
Produktionsmittel der Landwirtschaft bestanden: Enitziehung der menschlichen und 
Lierischen Arbeitskräfte, des Kunstdüngers, der Kraftfuttermittel und der 
Maschinen. Darüber hinaus hat vor allem die Preisbildung während des Krieges 
die Landwirtschaft geschädigt, nämlich die Niedrighaltung der Preise für land- 
wirtschaftliche Erzeugnisse infolge der Zwangswirtschaft bei verhältnismäßig 
rascher und stärker gestiegenen Preisen der landwirtschaftlichen Produktionsmittel. 
All diese schädigenden Einflüsse haben sich auf die ostpreußische Landwirt- 
schaft in besonders starkem Maße ausgewirkt. Ostpreußen ist der einzige Teil 
des heutigen deutschen Reichsgebiets, der selbst Kriegsschauplatz und in der Folge 
unmittelbares Hinterland der kriegerischen Ereignisse war, wodurch besonders 
die Landwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Zerstörungen, die 
dadurch beispielsweise in dem ohnedies ungenügend ausgebauten ostpreußischen 
Landstraßennetz angerichtet worden sind, sind bis jetzt noch nicht überwunden 
and belasten, wie bei der Darstellung der Verkehrsverhältnisse gezeigt worden ist, 
noch heute die ostpreußische Wirtschaft. Die Einwirkungen der Zwangswirtschaft 
haben die Substanz der landwirtschaftlichen Betriebe um so stärker geschädigt, 
je größer der Betrieb und je weiter der Weg war, den seine Erzeugnisse bis zum 
letzten Verbraucher zurückzulegen hatten. Spezialerzeugnisse, welche der Zwangs- 
wirtschaft nicht unterlagen und deren hohe Preise für manche Betriebe im 
äbrigen Deutschland eine gewisse Entschädigung für die schlechten Preise der 
zwangsbewirtschafteten Massennahrungsmittel bedeuteten, kamen für Ostpreußen 
aus klimatischen Gründen und wegen der Marktferne nicht in Betracht, vor allem 
auch nicht ein direkter Verkauf an den Verbraucher durch Ausnützung der Lücken 
in der Zwangswirtschaft. Wenn alsp Krieg und Zwangswirtschaft die Substanz 
aller landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland mehr oder weniger geschmälert 
haben, so ist Ostpreußen von diesen Einwirkungen in besonders starkem Maße 
betroffen worden; daher waren auch die Aufgaben beim Wiederaufbau der produk- 
tiven Substanz hier besonders groß. 
Die Jahre seit Beendigung der Zwangswirtschaft bis zur Übersteigerung der 
Inflation, insbesondere der Zeitraum vom Sommer 1921 bis zum Sommer 1923, 
boten der deutschen Landwirtschaft in mancher Hinsicht gute Möglichkeiten zum 
Wiederaufbau. Die Kaufkraft mancher landwirtschaftlicher Erzeugnisse, insbe- 
sondere des Getreides, für wichtige Produktionsmittel wie Kunstdünger, Maschinen 
und Handwerkerleistungen, stieg weit über die Vorkriegsverhältnisse hinaus. Ein 
Teil der landwirtschaftlichen Betriebe hat in jenen Jahren durch verstärkte Kunst- 
düngeranwendung und Maschinenanschaffungen und unter. Ausnutzung der 
sonstigen Möglichkeiten der Inflationskonjunktur die im Kriege angerichteten 
Schäden an der Substanz wieder ausgeglichen. Für Ostpreußen waren diese Mög- 
lichkeiten stark eingeschränkt. Die Abtrennung Ostpreußens vom Reich durch 
den polnischen Korridor und die jahrelang sehr unruhigen Verhältnisse an seinen 
Grenzen (russisch-polnischer Krieg) hielten Handel und Industrie davon ab, große 
Warenmengen nach Ostpreußen. zu senden, so daß beispielsweise Kunstdünger in 
Ostpreußen auch in den Jahren noch schwer zu beschaffen war, in denen die Land-
	        
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