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wirtschaft anderer deutscher Gebiete ihren Kunstdüngerverbrauch bereits über den
Vorkriegsverbrauch hinaus gesteigert hatte.
Mit der Verschärfung der Inflation begann die weite Entfernung von den
Märkten sich für Ostpreußen besonders verhängnisvoll auszuwirken. In den
Zeiten der fast‘ täglichen Preissteigerungen war es entscheidend wichtig, immer
auf Grund der neuesten Marktnotizen verkaufen zu können. Die ungünstige Markt-
lage ließ das in den letzten Inflationsmonaten auftretende Mißverhältnis zwischen
den Preisen. landwirtschaftlicher Erzeugnisse und landwirtschaftlicher Produktions-
mittel für die ostpreußische Landwirtschaft wesentlich rascher wirksam werden
als im übrigen Deutschland. Aus dem gleichen Grunde wurde die im August 1923
sinsetzende Zahlung von Goldsteuern für die ostpreußische Landwirtschaft be-
sonders belastend.
Das Schicksal der verschiedenen landwirtschaftlichen Betriebe in den Jahren
nach der Stabilisierung war ganz entscheidend davon abhängig, in
welcher Weise sie den Übergang aus der Inflation in die stabile Wirtschaft voll:
zogen haben, d.h. wie weit ‚ihre Substanz in diesem Augenblick bereits wieder
aufgebaut war und wie weit die Betriebe darüber hinaus mit Reserven an um-
jaufenden Betriebsmitteln, mit verkaufsfähigen Erntevorräten, mit Kunstdünger-
vorräten usw. ausgestattet waren. . Diejenigen Betriebe, welche unter Ausnutzung
der Inflationskonjunktur bis zu diesem Zeitpunkt die Kriegsschäden in ihrer
Substanz überwunden hatten und deren Vorräte und Betriebsmittel ausreichten,
um die ersten besonders schwierigen Monate bis zur Ernte von 1924 ohne Auf-
nahme von Neuschulden zu überstehen, sind im allgemeinen auch in den weiteren
Jähren gut durchgekommen. Ganz anders dagegen solche Betriebe, deren Wieder-
aufbau im Herbst 1923 noch nicht abgeschlossen war und deren liquidierbare Vor-
räte so gering ‚waren; daß sie vom Januar 1924 ab bis zur neuen Ernte Kredite
zu den damaligen Zinssätzen aufnehmen mußten, um die laufenden Ausgaben des
Betriebes zu bestreiten. Bei diesen Betrieben wurde damals der Grund zu einer
Verschuldung gelegt, die heute die Betriebe zu erdrücken droht, und zwar infolge
des Zinsendienstes häufig auch -.dann, wenn inzwischen durch äußerste An-
strengungen das Gleichgewicht zwischen Betriebseinnahmen und -ausgaben her-
gestellt worden ist, .
Aus dem Vorstehenden ergibt sich, daß in Ostpreußen der Anteil solcher
ungenügend aufgebauten, schwach ausgerüsteten ‚und wenig krisenfesten Betriebe
besonders groß war, so daß die Verschuldungslage heute auch dann ernst sein
würde, wenn Ostpreußen in den Jahren seit der Stabilisierung unter den gleichen
wirtschaftlichen Bedingungen gestanden hätte, wie die übrige deutsche Landwirt-
schaft. Das war aber, wie der erste Teil dieses Berichts zeigt, keineswegs der
Fall. Große Teile Ostpreußens waren in den letzten Jahren von Mißernten und
Seuchen betroffen, die teilweise mehrere Jahre hintereinander eintraten. Auch
erlitten viele ostpreußische. Betriebe in den ersten Jahren nach der Stabilisierung
schwere Verluste infolge von Zahlungsschwierigkeiten der Lieferanten und Ab-
nehmer sowie Zusammenbrüchen von Verwertungsbetrieber (Molkereigenossen-
schaften u. dergl.). Die Preisverhältnisse, deren Ungunst auch im übrigen Deutsch-
{and bei vielen Betrieben zu Betriebsdefiziten geführt hat, waren in Ostpreußen
infolge seiner weiten Entfernung von den Märkten besonders ungünstig. Hinzu
kommt, daß der ostpreußische Landwirt wegen der Ungunst des Klimas wenig
Möglichkeiten hat, sich den stark wechselnden Preisverhältnissen durch Umstellung
geines Betriebes anzupassen und jeweils die im Preise günstigsten Erzeugnisse in
den Vordergrund zu stellen. Wenn somit das Jahr 1923/24 den ersten Grund zu