1. Kap, Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 263
Verteilung vorhanden ist. Es kann aber auch sein, daß sich eine
solche Ausgleichsmöglichkeit nicht durchführen läßt; man denke an’
die Überfüllung in vielen gelehrten Berufen, an die Überfüllung in
vielen Zweigen des Kleinhandels, während demgegenüber vielleicht
zur gleichen Zeit ein Mangel an Landarbeitern herrscht. Wir werden
noch sehen, daß auch bei einer partiellen Übervölkerung ähnliche
Symptome, wie bei einer allgemeinen Übervölkerung, auftreten
können, weil bei einer solchen Überfüllung in den einzelnen Berufen
vielfach das daraus erzielte Einkommen nicht ausreicht, um eine zureichende
Lebenshaltung zu gewährleisten. Stolzmann hat mit
Rücksicht auf diese Möglichkeiten den Vorschlag gemacht, eine
„absolute Übervölkerung“, die es „begrifflich mit den Naturgesetzen“
zu tun hat von einer „relativen Übervölkerung“, die mit den „sozialen
Verhältnissen“ in Beziehung steht, zu unterscheiden. In dem letzteren
Falle müßte dann die Übervölkerung „nur aus der Regelung“ herrühren;
es gäbe dann keine eigentliche Übervölkerung; man könne
vielmehr nur sagen, daß die Bevölkerung nicht richtig „assortiert“ sei.
Stolzmann denkt hierbei an die Fälle, bei denen infolge der „sozialökonomischen“
Verhältnisse ein Örtliches oder zeitliches Mi£ßverhältnis,
eine partielle Übersättigung oder eine Überfüllung einzelner Berufs- oder
Produktionszweige vorhanden sei?). Freilich irrt er darin, wenn ef
meint, daß es sich hierbei nur immer um einen „Defekt in der
internen Gliederung der Bevölkerung“ handle. Das kann natürlich
der Fall sein und kommt auch häufig vor. Aber eine solch partielle
Übervölkerung, die sich also nur auf einzelne Berufe erstreckt,
kann einen doppelten Charakter tragen. Die eine Möglichkeit, von
der eben ausgegangen wurde, ist die, daß dem Übermaß an Arbeitskräften
in einzelnen Berufen ein zu wenig an Arbeitskraft in
anderen Berufen gegenübersteht. Das ist ein Fall, der häufig vorkommt
und z. T. darauf beruht, daß manche Berufe ein höheres
Ansehen genießen als andere, was namentlich für die gelehrten
Berufe gilt, z. T. aber auch darauf, daß infolge mangelhafter Berufskunde
und Berufsberatung weiten Kreisen der Bevölkerung die Aussichten
ganz unbekannt sind, welche die einzelnen Berufe bieten.
Der andere Fall ist jedoch der, daß der Überfüllung in den
einzelnen Berufen kein Mangel an Arbeitskräften in anderen Berufen
gegenübersteht, daß vielmehr diese Überfüllung in einzelnen Berufen
nur Symptom einer allgemeinen Übervölkerung ist. Denn der Beginn
jeder allgemeinen Übervölkerung wird sich darin äußern, daß zu-1)
R. Stolzmann, Der Zweck i. d. Volkswirtschaft 1909, S. 469.