2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum ; 283
gesichts einer solchen Entwicklung, auf welche eben hingewiesen
worden ist, bedeutsam, ob diese Tendenzen zu einer Abnahme der
Volksvermehrung nur die Antwort auf eine eingetretene Verengerung
des Nahrungsspielraumes sind, oder ob sich ein solcher
Zusammenhang nicht nachweisen läßt. Erst dann wird man zu
einem Urteil über diese Entwicklung kommen können. Freilich
kann zu dieser Frage erst dann Stellung genommen werden, wenn
das Problem des Nahrungsspielraumes behandelt ist. Zunächst
haben wir uns der Frage zuzuwenden, in welcher Weise das Volkswachstum
eines Landes zustandekommt, welche Unterschiede sich
hier in zeitlicher und regionaler Hinsicht zeigen und welche Faktoren
von der Bevölkerungsseite her den Geburtenüberschuß eines Landes
beeinflussen.
2. Wege und Formen des Volkswachstums. Wir
haben bereits gesehen, daß für das Volkswachstum eines Landes
der Geburtenüberschuß und die Ergebnisse der Aus- und Einwanderung
die maßgebende Rolle spielen, wir haben auch gesehen,
daß der Geburtenüberschuß selbst im Laufe der Zeit erhebliche
Änderungen durchgemacht hat. Will’ man diese Wandlungen
würdigen, will man auch Sehen, welche Kräfte vielleicht weiterhin
nach dieser Richtung hin wirksam sind, dann muß man die Elemente,
aus denen sich der Geburtenüberschuß bildet, Geburten- und
Sterbehäufigkeit, genauer untersuchen. In dieses Problem ‘soll die
folgende Tabelle, welche diese Wandlungen für das Deutsche Reich
darstellt, einführen.
(Tabelle siehe S. 284.)
a) Die Wandlungen in der Sterblichkeit sollen als
das Einfachere zuerst behandelt werden. Die folgende Tabelle
zeigt für Deutschland einen .ganz beträchtlichen Rückgang der
Sterblichkeit. Sie ist im Verlauf von 50 Jahren um mehr als die
Hälfte gesunken. Erinnern wir uns der hohen Sterbeziffern, wie
wir ‚sie oben für ältere Zeiten kennen gelernt haben, so fällt dieser
starke Rückgang noch mehr in die Augen. Der Rückgang der
Sterblichkeit war in den beiden letzten Menschenaltern so groß, daß
trotz der starken Zunahme der Volkszahl die absolute Zahl der
Todesfälle noch beträchtlich abgenommen hat. Aber nicht nur der
starke Rückgang muß gegenüber älteren Zeiten betont werden,
bei einem Vergleich mit diesem fällt vielmehr die größere Gleichmäßigkeit
und die fast ununterbrochene Abnahme der Sterblichkeit
in neuerer Zeit in die Augen. Das jähe Auf und Ab, dem wir