Object : Bevölkerungslehre

54

Erster geschichtlicher Teil

Nicht Wanderlust, sondern Not bewegte damals die Massen zum
wandern und weil er als Late nicht mehr sitzen konnte und zu der
jeichtlöslichen und drückenden Zeitpacht nicht mehr sitzen wollte,
deshalb zog der sächsische Bauer einer ungewissen und mühreichen
Zukunft im fernen Slavenlande entgegen !).“ Besondere Unternehmer
traten auf, welche diese ganze Auswanderung und Neusiedelung in
die Wege leiteten ®).
Nach den Darlegungen Lam prechts hat noch in anderer Weise
die damalige Art der deutschen Agrarverfassung viel zu dieser Auswanderung
 beigetragen. Der allerorts herrschende Flurzwang gestattete
 den Bauern nicht, nach eigenem Ermessen zu bauen und zu
wirtschaften 3). Demgegenüber boten die neuangelegten Kolonistendörfer
 wesentliche Vorzüge. Die Bauerngüter waren dort nicht nur
wesentlich größer angelegt wie in der Heimat, in der Regel lagen
auch die den Ansiedlern zugeteilten Hufen als große Anbauflächen
beieinander. Zuerst vollzog sich diese Kolonisation auf dem deutschen
 Mutterboden selbst. Es sind vor allem Niederländer, die im
deutschen Nordwesten die Moore kultivieren helfen und bald
folgte die Kolonisation der ostelbischen, slavischen Gebiete, die mit
der Germanisierung derselben Hand in Hand ging. Bis nach Böhmen,
Mähren und Ungarn hinein hat sich diese Kolonisationsbewegung
erstreckt. Von ihrem zahlenmäßigen Umfang kann man sich ein Bild
machen, wenn man hört, daß nach den Angaben Lamprechts in
der Mark Brandenburg im Laufe zweier Generationen an 100 Städte
und Städtchen entstanden sind und daß bis zum Jahre 1260 in
Schlesien etwa 1500 deutsche Bauerndörfer gegründet wurden und
etwa 150—180000 Deutsche einwanderten. Auf Einzelheiten dieser
großen Bewegung kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.
Sie mußte nur berührt werden, um zu zeigen, welch gewaltige Entlastung
 an Menschen damals die deutsche Heimat auf diese Weise

ı W, Wittich, Die Entstehung des Meierrechts u. die Auflösung d. Villikationen
 in Niedersachsen u. Westfalen. Z. f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, Bd. 2,
1894, S. 61.
2?) R. Kötzschke, Das Unternehmertum in d. ostdeutschen Kolonisation des
Mittelalters. Diss., Leipzig 1904. — Derselbe, Quellensammlung z. Geschichte d.
ostdeutschen Kolonisation im 12.—14. Jahrhundert, 1912. — A, v. Wersebe, Über
d. niederländischen Kolonien, welche im nördlichen Teutschlande im 12. Jahrhundert
gestiftet worden, 1815. — E. O. Schulze, Die Kolonisierung u. Germanisierung d,
Gebiete zwischen Saale und Elbe, 1896. — Th. Rudolph, Die niederländischen
Kolonien der Altmark, 1889. — M. Beheim-Schwarzbach, Die Besiedelung von
Ostdeutschland durch d. zweite germanische Völkerwanderung, 1582.
3\ Deutsche Geschichte, a..a. O., S. 264/65.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.