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damals im eigenen Lande möglich war. Dann bewahrte ihn die Revo-
lution 1905, die ihn in das Vaterland zurückführte, vor dem Schicksal
des dauernden, nervenzermürbenden Emigrantentums. Während dieser
Zeit mußte er auf Verlangen seiner Partei im Hintergrunde bleiben,
nur ratend und lenkend. GewiB war auch dies nicht ohne Einfluß auf
die eigene Entwicklung. Aus der richtigen Enifernung lassen sich
Geschehnisse entschieden besser übersehen, Handlungen besser be-
urteilen als ‚aus unmittelbarer Nähe. So gewann Lenin gewiß auch
die Einstellung zum Zeitgeschehen, die der Wirklichkeit am nächsten
kam. — Als dann der Weltkrieg und seine Erschütterungen jene Kräfte
frei werden ließ, die schon lange für eine Wandlung in Rußland unter
der Oberfläche wirkten, konnte er endlich sein Denken und Vor-
bereiten in die Tat umseben. Eine neue Welt sollie nun nach seinem
Wunsche in und durch Rußland erstehen. Er ging ans Werk, sie zu
formen. Ein seltenes Los ward ihm damit zuteil. Aus dem Umstürzler
wurde zugleich der Schaffende, der seinen Volksgenossen über tausend
Hemmnisse hinweg dennoch den Weg bahnte zu neuem "Aufstieg. Jekt,
wo der Blick zur Höhe freier zu werden beginnt, endet sein Leben.
Eine Biographie, die das halbe Jahrhundert von Lenin’s Leben in
allen seinen Details, sein Wirken, Wollen und Schaffen, sein Ver-
hältnis zur Umwelt, von allen Seiten wahr beleuchtet, kann heute noch
nicht geschrieben werden. Freund und Gegner stehen noch inmitten
der Tageskämpfe, die eine objeklive Würdigung des Zeitgeschehens
und der Personen, die in ihnen akliv sind, unmöglich machen. Was
wir aber mit Nuken können, ist: Bausteine zum Werk zu iragen. Ein
solches Beginnen ist die vorliegende Arbeit. In kühlen, sachlichen
Daten will sie der Wissenschaft. das Werkzeug liefern, Material bequem
erreichbar machen, besonders für den deuischen Forscher, mit der
weiteren Einschränkung, soweit! es heute möglich ist, dies schnell
zu tun.
Berlin-Steglik, im Februar 1924.
Ernst Drahn.