Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

alten Dynastie erlitten hatte, war zu gewaltig gewesen. 
Es schienen sich alle Bande der Ordnung lösen zu 
wollen. Was ein großer Teil des Volkes unter Freiheit 
verstand, das war völlige Hemmungslosigkeit von allen 
gesetzlichen Schranken, die man kurzweg Fesseln nannte. 
Während es aber in Wien der Polizeidirektion gelang, 
nn straffer, einheitlicher und zielbewußter Zusammen- 
tassung aller Kräfte des polizeilichen Apparates die 
lemente der Zerstörung niederzuwerfen und in den 
schicksalsschweren Tagen des Jahres 1919 den endgültigen 
Sieg zu erringen, wogte in den Ländern der Kampf 
zwischen Ordnung und Zügellosigkeit länger. ' Fs fehlte 
eben eine einheitliche Polizeigewalt. Die Mängel einer 
Dezentralisation des Sicherheitscdienstes traten damals 
überzeugend klar zu Tage. ; 
Der Sicherheitsdienst hätte aber in den schweren 
Zeiten, die hinter ihm liegen, die an ihn gestellten Auf- 
zaben nicht so erfolgreich versehen können, wenn nicht 
seine Organisation die verläßliche Grundlage zur 
Antfaltung seiner Kräfte geboten hätte. Auch auf dem 
Gebiete der Organisation ist die österreichische Polizei 
und namentlich die Polizeidirektion in Wien während 
des Bestandes der Republik wesentlich fortgeschritten 
und diese Fortschritte sind um so höher zu werten, als 
sie unter den schwierigsten wirtschaftlichen Verhältnissen, 
die den Staat zur größten Sparsamkeit zwangen, ver- 
wirklicht wurden. ; 
Das Bestreben nach Ausgestaltung der polizeilichen 
“inrichtungen richtete sich insbesondere auf eine zeit- 
zemäße Entwicklung der Kriminalpolizei. Allerdings 
wird eine erfolgreiche Bekämpfung des Verbrechertums 
vor allem vorbeugende Maßnahmen der Polizei zur 
Voraussetzung haben. Gerade die Vortrefflichkeit dieser 
vorbeugenden Maßnahmen ist der Prüfstein einer rich- 
tigen Organisation der Polizei. Es wurde daher bei 
Ausgestaltung der Organisation der Polizei in der Nach- 
kriegszeit ein besonderes Augenmerk auf die Besserung 
der Präventivmaßregeln gerichtet. Zunächst trachtete die 
Polizeidirektion eine Verstärkung des Sicherheits- 
wacdchekorps und des Korps der Kriminalbe- 
amten und ‚eine gründliche Ausgestaltung des 
polizeilichen Schulwesens zu erwirken. Es wurden 
nicht nur Kurse für neu eintretende, sondern auch Fort- 
bildungskurse für bereits dienende Beamte geschaffen. 
Die weitere Obsorge betraf die entsprechende  Aus- 
rüstung der polizeilichen Exekutivorgane (zweckent- 
sprechende Bekleidung und Bewaffnung). Den Kriminal- 
beamten wurden all die versthiedenen Hilfsmittel in die 
Hand gegeben, die es ermöglichen, Spuren aufzusuchen 
und vor Vernichtung zu sichern sowie um Tatbestands- 
teststellungen durchzuführen. Auch Polizeihunde, 
and zwar sowohl Begleit- als auch Spurenhunde, er- 
wiesen sich zur Unterstützung der polizeilichen Exekutiv- 
ırgane von großem Wert. Mit diesen Tieren, die sich 
sowohl als Begleithunde im Rayonsdienste, als auch bei 
der Spurensuche namentlich in unverbauten und unbe- 
euchteten Bezirksteilen sowie besonders im Au- und 
Waldgebiete bestens bewährten, wurden so gute Erfolge 
erzielt, daß man sich veranlaßt sah, den Stand der in 
den Zwingern der Polizeidirektion untergebrachten, ent- 
sprechend dressierten Diensthunde bis Ende 1927 auf 31 
zu vermehren. Zugleich standen zu diesem Zeitpunkte 
jereits 31 Sicherheitswachebeamte als Hundeführer zur 
Verfügung. 
Unerläßlich war ferner die Ausgestaltung des eigenen 
Felegraphen- und Telephonnetzes, an das alle 
»olizeilichen Amtsstellen angeschlossen sind. In dieser 
Hinsicht sind für den telegraphischen Verkehr der Polizei- 
lirektion eine Kreis-, 5 Radial-, eine Feuerwehr- und 
22 Wachzimmerlinien eingerichtet. Der Ausbau und die 
nstandhaltung dieser Linien sowie der "Telegraphen- 
;tationen (rund. 250) wird von einer eigenen "Tele- 
zraphenbauleitung besorgt, die auch einen großen Teil 
ler Arbeiten bei Vertigstellung der Telephonzentrale 
durchführte. Ferner wurden zur Verbindung der ver- 
schiedenen Polizeidienststellen in Wien und zur Verbindung 
der Polizeidirektion mit auswärtigen Polizeibehörden 
Radiostationen errichtet. 
Eine weitere Sorge betraf die Ermöglichung einer 
‚aschen Beförderung der Sicherheitswacheorgane durch 
Zeistellung von Automobilen, Motorrädern und 
"ahrrädern. Ueber die Beschaffung dieser Mittel wird 
An anderer Stelle eingehend berichtet. Auch die zur Fr- 
1öhung der Schlagfertigkeit der Sicherheitswache ge- 
‚roffenen Maßnahmen werden in einem anderen Zusam: 
menhange erörtert. . 
Alle diese und andere Maßnahmen müßten aber ein 
stückwerk bleiben, wenn nicht für cine planmäßige Zu- 
;ammenfassung aller Kräfte gesorgt ist. Dieser Zen- 
‘ralisierung dienen die einzelnen Dienststellen deı 
Dolizeidirektion, und zwar was das so wichtige Zusammen- 
virken zwischen Sicherheitswache- und Kriminalbeamten- 
corps anbelangt, die Bezirkspolizeikommissariate, denen 
jowohl die Bezirksabteilungen der Sicherheitswache als 
ıuch die Kriminalbeamtenabteilungen untergeordnet sind 
Die Einrichtung der Bezirkspolizeikommissariate 
st sozusagen eine Österreichische, namentlich Wiener 
)pezialität und ihre Beibehaltung ist von größter Wichtig- 
zeit. Ueber den Bezirkspolizeikommissariaten steht ci« 
>olizeidirektion als Zentralstelle, die den ge- 
jamten Sicherheitsdienst in der Stadt leitet und über- 
vacht, sowie einzelne wichtige Angelegenheiten durdı 
sigene Organe besorgt. Die oberste Leitung liegt ir 
ler Hand des Präsidenten der Polizeidirektion. 
Die Wiener Polizei fand nach dem Kriegsende, «da 
nfolge des unheimlichen Anwachsens der Krimi- 
1alität ein neues Problem entstand, gleich die 
Selegenheit, eine Feuerprobe zu bestehen. Die Zahl deı 
ei den Dienststellen der Wiener Polizeidirektion er- 
;tatteten Anzeigen stieg in den Jahren 1915 bis 1919 be 
Einbruchsanzeigen von 979 auf 3639 
Diebstahlsanzeigen »„ 1579 „ 6107 
Betrugsanzeigen „ 22 5065 
Veruntreuungsanzeigen 2 » 304 
Raubanzeigen S 102 
Nicht bloß die Not war das Motiv der Tat, sondern audı 
‚krupellose Gewinnsucht. Es bildeten sich ganze Diebs- 
»anden, vor denen kein Magazin und kein Keller mehr 
jicher war. Leider stellten die Jugendlichen ein starke: 
<ontingent dieser Verbrecherplatten. Aber nicht nur dic 
Sicherheit des Eigentums war schwer bedroht, sondern 
3 nahmen audı Gewalttätigkeiten aller Art in bedenk- 
‘icher Weise zu. Die Verbrecher wurden im allgemeinen 
immer gewalttätiger und die Morde und räuberischern
	        
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