Full text : Schutz dem Arbeiter!

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in  Fabriken.  Wenn  sich  auch  ganz  vereinzelt  unter  der  Arbeiterbevölkerung  selbst  eine
Reaction  dagegen,  und  zwar  nicht  ans  wirthschaftlichen,  sondern  aus  gesundheitlichen
Gründen  geltend  macht,  so  ist  cs  doch  die  Regel,  daß  die  Mädchen  bis  zu  ihrer  Vcrheirathung
  und  meist  auch  nach  derselben  in  der  Fabrik  bleiben.  Ein  solches  Mädchen
kann  sich  selbstverständlich  nur  sehr  geringe  Kenntnisse  der  weiblichen  Handarbeiten ­
  aneignen,  wenn  sie  12  Stunden  sin  Spinnereien  13  Stunden)  einschließlich
der  Pausen,  in  der  Fabrik  sein  muß,  und  nvch  die  oft  weiten  Wege  von  und  nach  der
Fabrik  zu  machen  hat.  Kochen,  und  was  sonst  damit  zusammenhängt,  lernt  ein
solches  Mädchen  meist  gar  nicht.  Auch  kann  sie  dem  elterlichen  Haushalt  in  der  Regel
in  der  kurzen  Zeit,  in  welcher  sie  zu  Hause  ist,  nichts  Gutes  absehen,  da  die  Mutter  selbst
ihre  Hauptzeit  in  der  Fabrik  zubringt  und  gar  keine  Zeit  zur  geordneten  Führung  ves
Haushalts  hat,  selbst  wenn  sie  sich  in  der  Jugend  die  nöthigen  Kenntnisse  angeeignet  hätte.
Wenn  nun  ein  in  solcher  Umgebung  aufgewachsenes,  stets  in  der  Fabrik  beschäftigtes  und
wegen  ihrer  Einwirkung  und  der  mangelhaften  Ernährung  körperlich  schlecht  entwickeltes
Mädchen  heirathet,  so  bedarf  das  Bild  eines  auf  solcher  Grundlage  errichteten  Haushalts
keiner  weitern  Ausführung."
Für  den  Jnspectionsbezirk  Eh'cmnitz  will  der  Fabrik-Jnspector  einen  nachtheiligen
Einfluß  der  vielfach  üblichen  „längeren  (11-,  12-  und  IZstündigen)  Arbeitszeit,  zu  welcher
sich  oft  noch  ein  stundenweiter  Nachhauseweg  gesellt,  auf  die  Gesundheit  und  Leistung^
fähigkeit  der  Arbeiter,  namentlich  aber  der  weiblichen",  nicht  erfahren  (!)  haben;  derselbe
hebt  aber  doch  hervor,  daß  „durch  derartige  Verhältnisse  der  Sinn  für  Häuslichkeit
und  das  Bestreben,  sich  an  der  Wirthschaft  im  Hause  zu  betheiligen,  weder  geweckt
nvch  gefördert  wird,  so  daß  aus  diesen  Arbeiterinnen,  die  den  größten  Theil  ihrer  Zeit  in
Fabriken  und  auf  dem  Wege  zubringen,  später  schwerlich  tüchtige  Hausfrauen
werden."  (Jahresbericht  der  sächsischen  Fabrik-Jnspectoren  für  1886.  S.  104.)
Diese  Entwickelung  ist  um  so  bedenklicher,  als  die  Zahl  der  Ar'
beiterinnen  in  bestimmten  Jndustrieen  sich  stetig  mehrt  und  die  Einstufst
sich  auf  bestimmte  Bezirke  concentriren.  Namentlich  gilt  das  bezüglich
der  Textilindustrie.  Wie  sehr  hier  die  Arbeiterinnen  überwiegen,  dafür
nur  ein  Beispiel:  Am  15.  Oct.  1881  waren  in  der  deutschen  Textilindustrie
122180  weibliche  Personen  zwischen  12 3 U  und  27  Jahreu  beschäftigt,
während  die  Zahl  der  männlichen  Arbeiter  in  diesem  Lebensalter  N»r
71838  betrug  (Band  53  der  „Statistik  des  Deutschen  Reiches,"  Er-  |
gänzungsheft)  *).  Die  rasche  Vermehrung  der  Zahl  der  beschäftigten
Arbeiterinnen  ergibt  eine  Vergleichung  der  Gewerbezählung  von  1875
')  Schon  im  Jahre  1847  (unmittelbar  nach  Annahme  des  Zehnstundcngesetzes)  Ö c *
hörten  in  England  von  den  544876  iit  der  Textilindustrie  beschäftigten  Arbeitern
363796  d.  h.  über  zwei  Drittel,  zur  Klasse  der  „geschützten  Personen".  In  der  Schweis
kamen  ebenso  1882  auf  85703  Personen  der  Textilindustrie  58214  „geschützte  Personen"-(Schweizer
  Fabrikstatistik.  Bern  1883.)  Während  in  der  gesammten  Baumwoll-,  Wollund
  Flachs-Industrie  Englands  im  Jahre  1850  die  Zahl  der  Arbeiterinnen  304  000  betrug, ­
  zählte  man  1875  schon  507  000  Arbeiterinnen.  In  der  Baumwoll-Jndustrie  allein
waren  1850  —  abgesehen  von  Kindern  unter  13  Jahren  —  neben  132  000  männlichen-184
  000  weibliche  Personen  beschäftigt.  Bis  zum  Jahre  1875  wuchs  die  letztere  Zahl  ans
2,-)8  000  heran,  während  die  erstere  nur  auf  154  000  gestiegen  war.  (S.  Schmollerst
Jahrbuch,  Bd.  IX,  S.  88.)  In  der  Textilindustrie  des  Oberelsasses  kamen  1882  an!
23  000  männliche  (47  °/o)  26  000  (53»  weibliche  und  6700  jugendliche  (12—16  jährige)
Arbeiter.  (Hcrkner).
            
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