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machen wir uns den Sachverhalt klar an derjenigen besonderen Form
der Gemeinschaft, die wir als Gruppe bezeichnen (Drittes Kapitel). Die
Gruppe in reiner Ausprägung ist eine Lebensgemeinschaft, deren Glie-
der ihr ganzes wirtschaftliches, soziales und geistiges Leben miteinander
teilen. Sie sind insbesondere auf Gedeihen und Verderben miteinander
verbunden. Die biologische Bedeutung der Gemeinschaft liegt hier auf
der Hand: die Gemeinschaft gibt dem äußeren Leben des Einzelnen
eine viel größere Sicherheit und Stärke. Stellen wir daneben jegt die
Ausweitung des Ich, so verleiht diese dem Bewußtsein des Einzel-
nen eine entsprechende Kräftigung und Bereicherung. Allgemein ist das
Einssein aus dem Biologischen ins Seelische transponiert — ähnlich
wie andere biologische Tatbestände in der Erotik, der Rechtsordnung
oder der Sprache transponiert sind.
Das Wesen der Gemeinschaft.
8. Betrachten wir den eben angedeuteten Tatbestand der Transponie-
rung vom Entwicklungsstandpunkt aus, so unterscheidet er die Menschen
von den Tieren. Der biologische Gehalt der Gemeinschaft ist auch den
geselligen Tieren bescheert. Dagegen den inneren Gehalt der
Gemeinschaft in Gestalt des Ichbewußtseins, wie er den Menschen eigen
ist, werden wir bei den Tieren nicht erwarten dürfen wegen ihres abwei-
chenden seelischen Habitus. Bei Tieren ist also von einer Gemeinschaft
im (vollen) Sinne unserer Begriffsbestimmung nicht zu sprechen. Eine
andere Frage dagegen ist, ob etwa von einer Keimform einer solchen bei
ihnen bereits zu reden ist. Die Schwierigkeit bei der Beantwortung die-
ser Frage beruht darauf, daß sie nach inneren Kriterien zu entscheiden
ist, während die Möglichkeit des Verständnisses und der Einfühlung für
uns der Tierwelt gegenüber recht beschränkt ist. Betrachten wir den Ge-
genstand lieber zunächst von außen, so bietet uns das typische Herden-
leben offenbar ein Bild gleicher Art, wie es uns das Leben einer ver-
gemeinschafteten Gruppe gewährt. Hervortretende Züge darin sind das
enge Zusammenleben, die Ansteckung der Affekte und die gegenseitige
Hilfsbereitschaft. Was die innere Seite des Sachverhaltes anbetrifft, so
haben wir uns schon früher ($ 14,,0) auf den Standpunkt gestellt, daß
ein Sozialleben mit seiner spezifischen inneren Verbundenheit in einer
Keimform auch den geselligen Tieren zuzusprechen ist. Auch gewisse
Seiten der Gemeinschaftshaltung, die im Emotionalen liegen, sind bei ihm
kaum zu verkennen, nämlich eine Haltung (und keimhaft eine entspre-
chende Bewußtseinslage) in der Richtung des Heimgefühls, der Geborgen-
heit und der Entspannung. Wir werden demgemäß zu der Vermutung
gedrängt, daß auch die übrigen seelischen Eigentümlichkeiten der Ge-
meinschaftshaltung bei den geselligen Tieren wenigstens in Spuren vor-
handen sind. Wenn sie sich gegenseitig in ihren Affekten anstecken und