Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

daß starke Wechselwirkungen zwischen Staat und Sozial- 
politik, daher auch zwischen dem Staatsideal und deı 
Sozialen Auffassung bestehen. In Amerika gibt es so gul 
wie kein System staatlicher Sozialpolitik und auch so gul 
wie keine Staats- und Sozialauffassung, die vom Staal 
ein solches System fordert. Die Summe der Wirkungen 
und Maßnahmen, die als sozialpolitisch anzusprechen sind, 
gehen dort von der allgemeinen Wirtschafts- und Gesell- 
Schaftspolitik aus. In Jahrzehnten vielleicht, wenn es 
Wirtschaftskrisen mit sozialen Erschütterungen gibt, wenn 
die heute so zahlreichen Brücken und Uebergänge zwischen 
Arbeitern und Unternehmern geringer werden sollten, wer- 
den vielleicht in den Vereinigten. Staaten Probleme staat- 
licher Sozialpolitik aufstehen, wie England und wir sie 
dann schon längst gelöst haben. Bei uns sehen wir eine 
umgekehrte Entwicklung. 
Sozialpolitische Initiative geht zunächst vom Staat’ 
218, 
kommt nicht von unten her aus der Gesellschaft und Wirt- 
schaft derart, daß der Staat ausgeschaltet wird. Erst in 
letzter Zeit sehen wir Ideen und Versuche, sozialpolitische 
Einrichtungen vom Staatloszulösen, sieautonom 
zu gestalten und der Selbstverwaltung der Betei 
ligten zu unterstellen. Aber auch dabei denkt man nicht an 
eine völlige Ausschaltung des Staates, man will ihm viel- 
mehr ein Aufsichtsrecht vorbehalten... Man sieht, es fäll 
schwer, den Zusammenhang zwischen Staat und sozialem 
Gedanken ganz zu trennen. In der Tat entspricht es dem 
deutschen Denken wenig; gerade auf diesem Gebiet, der 
Ordnung und Schaffung von Tatbeständen zwischen und 
über den Ständen und Klassen, den Vater Staat auszu- 
schalten. Es fällt so schwer, daß selbst bei Persönlichkeiten 
und Schichten, die hier sehr liberal denken, die Autonomie 
und Kooperation nach angelsächsischem Muster anstreben, 
doch zuweilen, und meist in entscheidenden Punkten des 
Systems oder Augenblicken des Handelns, immer wieder 
der Staat wie ein deus ex machina erscheint, Ich glaube, 
man wird mit dieser historisch bedingten Veranlagung, mit 
diesem seelischen Erbgut des deutschen und insbeson- 
dere des preußischen Menschen noch rechnen müssen 
wie in England mit der Abneigung gegen staatliche Regle- 
mentierung und Verbeamtung einer Sache. und der Neigung, 
die Dinge zu improvisieren und frei wachsen zı 
lassen. 
Allerdings gibt es auch kräftige und aussichtsreiche 
Entwicklungen, die für eine Autonomie des sozialen 
Bereichs sprechen und wirken. Wir sehen bei uns ein 
erstaunliches Wachstum der Kollektiv- 
mächte und Verbände aller Art. Deutschland ist zum 
Land der Organisationen geworden. Hier sehen wir eine 
Entwicklung zum Korporativen, die so auffallend ist, die 
dem politischen Kräftespiel und dem menschlichen Ver- 
halten, vielfach auch dem Denken so stark den Stempel 
aufdrückt. daß der jüngste Träger des Frankfurter Goethe- 
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