Bestehen zwischen Staatsform und Sozial-
bolitik Beziehungen? Zweifellos, aber keineswegs So
eng und in dem Sinne, daß man sagen kann, nur die
Demokratie verbürge eine gesunde Sozialpolitik. Man kann
das an der deutschen Sozialversicherung am
aesten verfolgen. Als staatsmännisches Produkt einer
Monarchie entstanden, hat sie sich So gut bewährt, daß
ihre Grundlagen heute noch unverändert sind. Die Re-
jormen, die nach Krieg und Inflation an der deutschen
Sozialversicherung erfolgten, haben an den Grundsätzen
nichts geändert, entwickelten nur die Technik, änderten
Einzelheiten, fügten Anbauten hinzu, sowohl was den Umfang
der‘ Leistungen wie den Kreis der Versicherten betraf.
Die Bismarcksche Sozialversicherung bewies soviel soziale
Anziehungskraft, daß die Sozialdemokratie, die zunächst
scharfer Gegner dieser bürgerlichen „weißen Salbe“
war, sich sehr bald in diesem stattlichen Hause einrichtete
and heute dabei ist, es zu einem starken Macht-
instrument auszubauen. Sie hat sich so gut bewährt,
daß ihr zweifellos ein starker Anteil an der Bewährung der
deutschen Volkskraft zuzuschreiben ist, die wir im Kriege
erlebten. Einerlei, wo man Steht:
Man muß die Phrase vom Sozialen Volksstaat
nicht übertreiben.
Man sollte suviel Achtung vor der Geschichte und soviel
PFinsicht in die Dauer und Folgerichtigkeit des nationalen
Schicksals und der öffentlichen Aufgaben durch die Staats-
jormen hindurch haben, um anzuerkennen, daß das
deutsche Kaiserreich eine sozialpolitische
Arbeit geleistet hat, die sich in der euro-
päischen Geschichte sehen lassen kann,
deren Stand noch heute nicht von der fran-
zösischen Republik erreicht ist. Noch heute
wird von diesem Erbe, auch geistig, gezehrt. Das Braunssche
Arbeitsgerichtsgesetz folgte den Spuren, die
Gewerbe- und Kaufmannsgerichte ausgetreten hatten, das
bevorstehende Arbeitsschutzgesetz entwickelt die
Keime, die in der Gewerbeordnung gelegt wurden, die
Arbeitslosenversicherung ist ihrer Struktur nach nichts
Neues. Gerade Bestand und Funktion unseres: Sozialver-
sicherungswesens, also des wichtigsten Faktors der Sozial-
politik, sind völlig unabhängig von der demokrätischen
sder nichtdemokratischen Gestaltung des Staatslebens.
+.
Daß in einer Demokratie stärkere soziale Energien und
Appetite entwickelt werden als in einer aristokratischen
Staatsform, -ist selbstverständlich. Auch bestehen
asychologische Zusammenhänge zwischen
Staatsauffassung und Sozialpolitik. Wir fragen uns oft,
warum denn gerade in Deutschland trotz seiner unleug-
baren sozialen Produktivität die sozialen Gegensätze be-
sonders scharf sind, der Verkehrston zwischen den sozialen
Gruppen eine besondere Härte aufweist. Geht man den
Ursachen nach, so stößt man auch auf die eine Wurzel,
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