Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

ist sich aber nicht einig. Für viele bedeutet ja Mil- 
derung oder gar Beseitigung der Klassen- 
gegensätze nichts Geringeres als Ver- 
ewigung des gegenwärtigen wirtschaft- 
lichen Systems, der kapitalistischen Privatwirtschaft, 
und mit ihr der heutigen sogenannten „Klassengesell- 
schaft“; wenn sie also überhaurt eine Sozialpolitik, die 
unter ganz anderen Gesichtspunkten inauguriert worden 
war, mitmachen oder gar ausbauen, so hat dies offenbar 
zur Voraussetzung, daß diese Sozialpolitik schritt- 
weise einem Zustand zuführt, den sie für er- 
strebenswert -— oder auch für allein logisch — erachten: 
zu irgend einer Spielart von Sozialismus. 
Man stelle sich nun — und der‘ Verfasser glaubt einige 
persönliche Einblicke in seiner früheren. praktischen sozial- 
politischen Tätigkeit im Reiche getan zu haben — die Lage 
der für Sozialpolitik verantwortlichen Beamten vor: die 
von ihnen vor allem in „technischer‘“ Hinsicht instru- 
ierte Gesetzgebungsmaterie unterliegt der Kritik sowohl 
seitens solcher, welche diese Materie im Sinne der Milde- 
rung von Klassengegensätzen, wie seitens solcher, welche 
sie im Sinne der Verschärfung der Klassengegensätze 
beurteilen. Wird es bei dieser Sachlage möglich sein, an 
der „Autonomie des sozialen Gedankens“ 
festzuhalten? — Wir dürfen annehmen, daß der pflicht- 
bewußte Beamte selbst diese - Autonomie anerkennt, die 
von ihm beabsichtigte „technische“ Lösung eines gegebe- 
nen Problems setzt jene Autonomie in den meisten Fällen 
sogar voraus, Das „Soziale“ kann aber seiner Natur 
nach niemals nur „technisch“ sein; die Bekämpfung 
von Nahrungsmittelfälschungen, die Verbesserung von 
Straßen, die richtige Ordnung des Patentwesens usw. wird 
immer in vie! höherem Maße eine „technische“ Angelegen- 
heit sein, als die Bekämrfung der Arbeitslosigkeit oder gar 
die Regelung des Koalitionsrechts; das gilt auch für die 
gesamte Sozialversicherung, bei der ja niemals „ver- 
sicherungstechnische‘“ Lösungen im Vordergrund standen. 
Dennoch muß man auch in diesen Angelegenheiten 
zum Ziele kommen. Und es besteht offenbar ein gewisses 
Interesse, vor allem des Staates, aber auch der. Allgemein- 
heit, daran, daß, wo es immer möglich ist, berechtigte 
technische Gesichtspunkte nicht unterdrückt werden. 
Hier wird am ehesten Einigung möglich sein, ‚Mit ihnen 
ist jene begrenzte Autonomie und Unabhängigkeit ver- 
bunden, die technischen Lösungen — Ähnlich wie wirt- 
schaftlichen — stets innewohnen muß. Hier. gibt es eine 
immanente Logik, eine historische Folgerichtigkeit, eine 
systematische Anpassung an größere Zusammenhänge. Ein 
wesentlicher Teil der Forderung nach „Autonomie‘* in 
sozialpolitischen Angelegenheiten scheint also darauf 
hinauszulaufen, daß man den .sozialpolitischen 
Techniker aufruft und das Hineintragen 
weltanschauungsmäßiger Gegensätze in 
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