Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

schnitt durch die verwirrenden und sich vielfältig 
überschneidenden Strömungen und Forderungen, die 
sich um den Artikel 165 ranken, zu geben. Es können 
hier nur wichtige Etappen und Verbindungslinien zu 
dem in neuer Formulierung vorgelegten Programm der 
freien Gewerkschaften aufgezeigt werden. D. Verf, 
Getarnter Sozialismus, 
Sozialismus, Sozialisierung, Vergesellschaftung, Ge- 
meinwirtschaft, bürgerliche und sozialistische Demokratie 
kapitalistische und proletarische, politische und wirtschaft- 
liche Demokratie waren die Schlagworte, die in den un- 
ruhigen Nachkriegsiahren in den Parlamenten, Kongressen 
und Straßen widerhallten und unter denen jede Partei und 
jeder Berufsstand etwas anderes verstand. 
Die freien Gewerkschaften betrachten als erstrebens- 
wertes Ziel die Verwirklichung des Sozialismus; das kapi- 
talistische Wirtschaftssystem -soll beseitigt werden und an 
seine Stelle eine sozialistische Wirtschafts- 
weise treten, von der man allerdings nicht weiß, wie 
sie in den Einzelheiten organisiert und 
ausgebaut werden soll. Um die Wege, die zu 
dieser „ganz fernen Zukunft‘ führen, entbrannte nach der 
Revolution: erneut ein heftiger. Streit. Dieser Streit ist 
auch heute noch latent vorhanden, und er wird es sicherlich 
immer bleiben, wenn er auch durch die von den {freien 
Gewerkschaften gewünschte Wirtschaftsdemokratie in 
theoretischer Hinsicht zu einer vorläufigen 
Klärung gelangt zu sein scheint: „Das Ziel der Wirt- 
schaftsdemokratie ist innerhalb der kapitalistischen Wirt- 
schaft nicht erreichbar ... Der Kampf um die Besei- 
tigung des kapitalistischen Systems wird noch ein langer 
und schwerer sein .... Der Weg zum Sozialismus kann 
nur schrittweise über eine Demokratisierung der 
Wirtschaft führen ... . Am Endziel sind demokratische 
Wirtschait und Sozialismus untrennbar miteinander ver- 
bunden‘, ‘bemerkte Naphtali auf dem letzten Hamburger 
Gewerkschaftskongreß. Und Tarnow fügte hinzu: „Wir 
denken nicht daran, unser Endziel preiszugeben, wir denken 
nicht daran, die sozialistische Wirtschaft nicht gestalten 
und nicht herbeiführen zu wollen... Wir wollen eine 
bessere Zukunft, aber wir wollen auch schon eine bessere 
Gegenwart; das ist das Reale unserer‘ Forderung der 
Wirtschaftsdemokratie.‘ Wir sehen: Wirtschaftsdemokratie 
ist Mittel zum Zweck, 
Wirtschaftsdemokratie ist die neue Tarnkappe des 
Sozialismus, geeignet, das Bürgertum zu ver- 
wirren, die Arbeiterschafit ohne Preisgabe der fest- 
gelegten weltanschaulichen Grundlagen vorläufig zu 
vertrösten. . 
Die alten Aufgaben der freien Gewerkschaften sind nun- 
mehr,. um mit Tarnow zu sprechen, „als wirtschaftliche 
Demokratisierung formuliert‘“ worden. Das neue Ge- 
wand ist zwar schillernd, aber sehr durchsichtig. 
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