Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

beitskraft haben soll. Alle übrigen Produktionskosten, 
vom Rohmaterial bis zur Versicherung, sollen natürlich im 
ireien Wettbewerb ihre Preisbestimmung erfahren. Dabei 
könnte man ihnen einwenden, daß die Preisbestimmung der 
menschlichen Arbeitskraft doch der Masse der Abnehmer 
dieser Arbeitskraft, in diesem Falle also den Arbeit- 
gebern, zukommen sollte, was demokratisch wäre. Aber 
das würde mit dem Hinweis auf den Clayton-Act, den 
sie seit 1914 durchgebracht haben, abgetan werden, nach 
dem die menschliche Arbeitskraft in Amerika nicht eine im 
Handel befindliche Sache ist und demzufolge den Bestim- 
mungen der Monopolgesetzgebung nicht unterliegt. 
Nun lassen die amerikanischen Gewerkschaften im 
Zeichen der Wirtschaftsdemokratie das Recht der Bestim- 
mung des Faktors Lohn in den Produktionskosten aber 
nicht für alle Arbeiter gelten, was vielleicht trotz der Aus- 
SCHE der Masse Käufer noch demokratisch wäre, 
sondern 
nur für die, die Mitglieder der Gewerkschaft sind, 
was nicht immer leicht und — gänzlich undemokratisch —- 
außerdem auch noch mit hohen Kosten verbunden ist. Da, 
wo nur gewerkschaftlich organisierte Arbeiter beschäftigt 
sind, ist der Closed Shop erreicht. Ein Unorgani- 
sierter darf in diesen Betrieb nicht eingestellt werden. 
Aus diesen und anderen hier nicht zu erörternden 
Gründen stellen sich die amerikanischen Gewerkschaften, 
die übrigens allenfalls nur ein Zehntel der Gesamtarbeiter- 
schaft erfassen, als eine Aristokratieder Arbeiter 
dar, die ängstlich darauf bedacht ist, ihre Vorrechte zu 
hüten, was ihr um so leichter fällt, als das Land noch 
immer unterbevölkert und die menschliche Arbeitskraft 
demzufolge mehr geschätzt ist als in einem Industrielande 
des alten Kontinents. 
Jedenfalls ist die in Amerika vorherrschende Auffassung 
von Wirtschaftsdemokratie frei von irgendwelcher 
im Hintergrund stehenden Ideologie des 
Sozialismus. So etwas liegt dem Amerikaner nicht. 
Der Reichtum des Landes ist erst seit verhältnismäßig 
kurzer Zeit vergeben, und in jedem armen Teufel ist noch 
die Hofinung lebendig, sich einmal seinen Platz an der 
Sonne zu erkämpfen — wohlgemerkt, seinen Platz — 
nicht etwa den seiner Klasse, denn eine Klasse kennt er 
auch nicht. Das Land ist in seiner soziologischen Entwick- 
hıng noch zu jung, und die-Väter der heutigen Amerikaner, 
die das Land besiedelten, hatten sich einen freiheitlichen 
Geiet bewahrt. der heute noch in ihren Kindern nachwirkt. 
Ganz anders liegen die Verhältnisse in Europa. 
Traditionelle Bindungen und Vorstellungen haben die Ent- 
wicklung von Klassen begünstigt. Die Ideologie des Sozia- 
lismus hat, insbesondere in den europäischen Industrie- 
staaten. die je industrieller, desto übervölkerter sind, dem 
wirtschaftlichen und volitischen Leben und Denken einen 
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