erdrückt wird. Die Künstler schildern nur noch die furcht-
bar zermalmende Macht des Schicksals, die den Menschen
wie eine wehrlose Beute dahinschleift. In der neueren
Dichtung ist der Held so gut wie ausgestorben. Die alten
Dichter schilderten den Menschen im Kampfe mit dem
Schicksal, wie er sich mit dem vollen Aufgebot seiner
Persönlichkeit, mit seiner sittlichen Kraft dagegen auf-
däumt, wie er, obwohl erliegend und sterbend, dennoch
als sittl!liche Persönlichkeit siegt, Nur auf
die Durchschnittsmenschen trifft die volle Abhängigkeit
von Schicksal nd Umwelt zu. Hin und wieder finden sich
doch einzelne Menschen, die eigen tlichen, wahren
Menschen, die nicht die Opfer der Verhältnisse werden,
sondern .die ‚den Verhältnissen zu gebieten wissen.
Die Zahl ist nicht das Wesen.
Es ist. nichts anderes als die nackte Philosophie des Phili-
stertums, die die Durchschnittsbeschaffenheit der Menschen
zum Wesen des Menschen schlechthin erhebt. Aber ınan
erkennt, eine wie mächtige Strömung in Kunst und Wissen-
schaft die Einzelpersönlichkeit in ihrem Werte anzuzweifeln
und. herabzudrücken versucht, ;
Der zweite Gedanke, der mit einem gefährlichen An-
griff den Individualismus bedroht, ist: die sogenannte
„organische“ Gesellschafts- und Staatstheorie, die heute
weite Kreise in ihrem Banne hält und mit großer Werbe-
kraft um Sich greift, Der Massengedanke, der den einzel-
nen durch die Fülle der Einwirkungen der Sozialen Umwelt
zu einem willenlosen, unselbständigen Scheindasein herab-
drückt, ist vorzugsweise der Leitgedanke der sozialistisch-
demokratischen Richtung. Die organische Staats- und Ge-
sellschaftslehre blickt nicht auf die vielen kleinen, unab-
‚ässigen Einwirkungen, die von der Umwelt auf den ein-
zeinen zudringen, sondern sie richtet ihren Blick auf das
einheitliche Ganze. Dieses geschlossene Ganze
hält man für die ursprüngliche und wahre Wirklichkeit, von
der der einzelne völlig abhängig sei und in seiner bestimm-
ten Art gebildet werde, Der Vergleich, der zu dieser
irrigen Auffassung verführt, ist das Bild des Organis-
mus. . Wie hier die einzelnen Glieder, Organe, Zellen eine
geschlossene Einheit bilden, so sei es auch mit dem so-
zialen Organismus beschaffen. Indessen hier wird ein
grundlegender und entscheidender Unterschied übersehen.
In dem natürlichen Organismus beherrscht und bestimmt
die Struktur des Ganzen die Stellung, den Charakter und
die Verrichtung der einzelnen Glieder, Die Zellen und die
Organe können nicht nach eigenem Belieben hierhin und
dorthin rücken, können nicht ihre Stelle wechseln,
könneh nicht eine eigene Individualität selbständig wählen
und ausbilden. Von dem System des Ganzen fest und un-
ablösbar zusammengehalten und wechselweise verklammert,
müssen sie bedingungslos diejenige Verrichtung
ausführen, die ihnen :von dem System des Ganzen aufer-
egt ist. Hier also bestimmt die Struktur des Ganzen die
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