Soziologie als eine wissenschaftliche Lehre vertreten. Der
Soziologe Alfred Vierkandt an der Berliner Universität
hat diese unentrinnbare Macht und Uebermacht der
sozialen Beziehungen und Verhältnisse gegenüber dem
einzelnen in allen seinen Werken, bald mit mehr, bald mit
weniger Nachdruck, aber in der Sache stets gleichartig,
verfochten. In seinem früheren Werke „Die Stetigkeit im
Kulturwandel‘“ hat er nachzuweisen versucht, daß alle geschichtlichen
Wandlungen auf der Anhäufung ganz kleiner
Wirkungen und Leistungen beruhen, daß es
kein geschichtliches Genie gibt, keine genialen
Taten.
daß sowohl die Schöpfer wie ihre Werke sich gleichfalls
in kleine Massenwirkungen auflösen: Es soll keine Katastrophen,
Eruptionen, keine plötzlichen Wendungen in der
Geschichte geben. Alles Große, Außerordentliche, Erstaunliche
ist nur scheinbar. Selbst das größte Genie wie
Goethe verdankt sein Leben und seine Werke dem, was
er aus Vergangenheit und Umwelt entnommen und empfangen
hat. Vierkandts „Gesellschaftslehre“ setzt, wenn auch
mit gewissen Abschwächungen. diese Beweisführung fort.
Dort steht beispielsweise der Satz: „Für die wissenschaftliche
Denkweise kommt es vor allem auf den Zusammenhang
an, in den der Mensch gestellt ist: er vor allem bestimmt
sein Verhalten.“ Und weiter: „In Wirklichkeit hat
die Gesellschaftslehre es in erster Linie zu tun mit der
Macht der Verhältnisse: mit ihrer Fähigkeit,
den einzelnen zu gestalten.“ Demgegenüber
ist zu sagen: es gibt nicht nur die Macht der Verhältnisse,
die den einzelnen gestaltet, sondern auch die
Macht des einzelnen, die Verhältnisse zu gestalten, bestimmend
auf den Zusammenhang einzuwirken. Unter Hinweis
auf die neuere Dichtung führt Vierkandt weiter aus:
„Ueberall(!) sehen wir so, wie die Verhältnisse mächtiger
sind ‚als die Menschen, Tatsächlich erweist sich
überall(! auf die Dauer das Amt oder die Partei als
stärker denn der Mensch. Die Dichter schöpfen überall
aus dem Leben, wo sie in solcher Weise die Uebermacht
der Situation über den eigenen Willen des von ihr gleichsam
gefangengehaltenen Menschen schildern. Es gibt eine
Folgerichtigkeit in den Verhältnissen, der sich niemand (!)
entziehen kann.“ Diese Wissenschaft ist allerdings auch
„aus dem Leben geschöpft“, nämlich aus dem Leben des
Alltags der Gegenwart, Und zutreffend ist der Hinweis
auf die gegenwärtige Kunst, die, von rühmlichen Ausnahmen
abgesehen, im Bunde mit der ganzen Zeitströmung
in Wissenschaft und Leben
die ireie und selbstverantwortliche Persönlichkeit
leugnet.
im allgemeinen schildert die gegenwärtige Kunst als treue
Spiegelung der Zeit nur noch den abhängigen Menschen,
der vollständig von der Uebermacht der Umstände
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