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Zweiundzwanzigstes Buch.
beobachten lassen, in der Blütezeit des deutschen Bürgertums
im 16. Jahrhundert und auf der Höhe der holländischen Ge—
schichte im 17. Jahrhundert. Dem Bürgertum auch dieser
Zeiten ist schon der Zug ins Sittenbildliche eigen, und zwar
gern mit einem Stich ins Sentimentale, in den Humor der
Tränen; selbst die große Zeit der deftigen Holländer und der
kraftstrotzenden Vlaemen ist von diesem Zusatze nicht ganz frei;
und neben der Neigung zum Genre steht die Neigung zum
Porträt. —
Das Bildnis ist in der deutschen Kunst natürlich erst dann
aufgetreten, als die Möglichkeit voller Wiedergabe wenigstens
der Umrisse eines Kopfes bereits voll entwickelt war. Es war
gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Fall. Die ganze große
Nonnenschar, welche Herrad von Landsperg in ihrem , Hortus
deliciarum“ zur Zeit Kaiser Friedrich Rotbarts porträtiert
hatte, mutet uns noch an wie eine Serie von Puppengesichtern
aus einem Modejournal; König Rudolf von Habsburg dagegen,
dessen gleichzeitiges Bildnis auf seiner Grabplatte im Speierer
Dom wenigstens in einer leidlichen Kopie des 16. Jahrhunderts
erhalten ist, wirkt ein Jahrhundert später schon mit der Ur—
sprünglichkeit klar, wenn auch noch äußerlich erfaßter indivi—
dueller Züge. Vom Ende des 13. Jahrhunderts an aber geht
es über die Arnolfini des Jan van Eyck im Berliner Museum
in reißendem Fortschritt der Wiedergabe des äußeren wie des
inneren Lebens fort bis zu der schönen Offenburgerin Holbeins
and dem Holzschuher Dürers.
Im ganzen aber blieb das freie, als selbständiges Kunst—
werk auftretende Bildnis zunächst des Mittelalters doch noch
Fürstenporträt; und erstrebt wurde bei ihm im Grunde und
durchschnittlich mehr ein Erinnerungsbild, vor allem an teure
Tote, als die treue Wiedergabe des Lebens. So sind die
Bildnisse ganzer Figur auf den messingenen Grabplatten des
15. und auch noch des 16. Jahrhunderts oft gar nicht ähn—
liche Porträts, sondern nur symbolische Figuren etwa des
Berufstyps des Verstorbenen, die nur ganz im allgemeinen
das Gedenken an diesen wachzurufen geeignet sein sollten.