Gentilizismus und Individualismus.
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ten oder trogigen Menschen behandeln, ohne daß er jene Eigenschaften
wirklich mehr oder weniger in sich entwickelt. Betont also die Um-
gebung eines Menschen das Individuelle in ihm, so wird dieses sich ent-
sprechend in ihm entwickeln. Umgekehrt wird jemand, der überall nach
dem Schema der Gruppe aufgefaßt und behandelt wird, nur schwer per-
sönliche Besonderheiten in größerem Ausmaß in sich entfalten können.
Eine zweite Eigenschaft bildet die schon vorhin erörterte Kollek-
tivverantwortung der Gruppe für das erfreuliche und unerfreu-
liche Verhalten ihrer einzelnen Mitglieder. Sie folgt unmittelbar aus
dem Wesen des Gentilizismus; denn es bekundet sich darin eine (natür-
lich auch von Mitgliedern anderer Gruppen gepflogene) Auffassungs-
weise, die als Einheiten nicht Individuen, sondern Gruppen zugrunde-
legt. Und sie hat umgekehrt angesichts des Zurücktretens der persön-
lichen Zurechnung und Verantwortung eine Tendenz in sich, an dieser
Auffassungsweise festzuhalten und es zu einer Betonung des Indivi-
duums bei der Auffassung seiner Taten garnicht kommen zu lassen. Es
ergibt sich ferner aus der Gruppenverantwortlichkeit, wie ebenfalls
schon betont, eine starke Neigung zur genauen Kontrolle aller Mitglieder
in ihrem gesamten Verhalten und zu einer Ausdehnung der Lebensord-
nung der Gruppe über alle Einzelheiten des Lebens, wodurch wieder die
Uniformität begünstigt wird.
Eine dritte Eigenschaft des gentilizistischen Typus ist eine stark
entwickelte Geselligkeit. Die Tendenz dazu besteht von
Haus aus kraft des menschlichen Gemeinschaftsdranges. Ein enges Bei-
sammensein ist eine Vorbedingung dafür, daß sich die eben angedeutete
Uniformität und ihre Wirkungen entfalten. Sie ist ebenso Bedingung
dafür, daß die Existenz der Gruppe ihren Mitgliedern in nachdrücklicher
Weise anschaulich zum Bewußtsein gebracht wird, und das damit ge-
sicherte starke Gruppenselbstbewußtsein ist wiederum eine wesentliche
Seite des Gentilizismus. Bei den großen Lebensgemeinschaften nach Art
der Familie, der Dorfgemeinschaft oder der Lokalgruppen eines wan-
dernden Stammes, der Männerbünde oder verwandter klubartiger Ver-
bindungen der höheren Stufen ist diese Bedingung durchweg erfüllt.
Allgemein können wir ferner sagen: für eine starke Ausprägung des
Gruppencharakters sind alle starken Gemeinschaftserlebnisse, d. h. alle
Aktualisierungen des in der Gruppe bestehenden Gemeinschaftsverhält-
nisses, von Wichtigkeit.
Welche verbindende Wirkung gemeinschaftliche (oder gemeinsame) Kämpfe und
Nöte, gemeinschaftliches Arbeiten und Feiern besigen, ist bekannt. Ebenso wirken
aber auch Gemeinschaftserlebnisse von Spielcharakter; sie sind besonders wichtig
deswegen, weil das Zurücktreten des Ichbewußtseins zugunsten eines sinnlich leb-
haften Gemeinschaftsbewußtseins (besonders in den modernen Verhältnissen) hier