Full text: Die deutsche Kaliindustrie

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vor. Denn die Anschauungen und das Verhalten der 
politisch führenden Kreise und die sozialen und recht 
lichen Institutionen änderten sich nicht so schnell wie 
die wirtschaftlichen Verhältnisse, und so ergab sich 
bald eine Diskrepanz zwischen beiden, wie sie niemals 
vorher existiert hatte: Altes Recht, alte Politik, alte 
Ideale und Lebensgewohnheiten sind ja stets viel 
zäher als die Tatsachen des Lebens, aus denen sie 
geboren wurden. Das ist ganz verständlich, denn 
nichts fällt dem Menschen so schwer, als sich um 
zudenken und Dinge anzuerkennen, die „nicht schon 
immer so waren“. Das ist ferner auch ganz gut, denn 
nur das Festhalten der gegebenen Denkgewohnheiten 
macht promptes und konsequentes Handeln möglich. 
Aber aus solcher Diskrepanz muß soziale Unzu 
friedenheit, soziales Unbehagen folgen — in der Tat 
haben Unzufriedenheit und Unbehagen gar nie andere 
Ursachen. Und wie der Leidende erst sich seiner 
Organe und ihrer Funktionen bewußt wird, an die 
er bei voller Gesundheit nie dachte, so wurde man 
damals der Lebensfunktionen der Gesellschaft ge- 
gewahr, an die früher nur Einzelne überhaupt gedacht 
hatten. Jetzt wurden diese Funktionen, wurde die Ge 
sellschaft selbst zum Problem. Man fragte und unter 
suchte auch dort, wo man früher nichts zu fragen 
gehabt hatte. Der gleichsam fieberhaft gesteigerte 
Lebensprozeß der Gesellschaft trieb auf allen Ge 
bieten der Wissenschaft Blüten, vor allem aber er- 
öffnete sich nun der weite Problemkreis der Sozial 
wissenschaften. Viele Dinge wurden nun erklärungs 
bedürftig, die früher selbstverständlich gewesen
	        
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