50 5. Kapitel. Kapitalbildung und Börsenspekulation.
stelle, ein „Sieb mit großen Löchern“). Ebenso hat die
Redaktion der Frankfurter Zeitung ihre Auffassung
beibehalten. In einem Artikel „Kapitalmarkt und
Börse“ vom 24. November 1929 heißt es: „Der Verlauf
(der amerikanischen Börsenhausse) ist eine vorzügliche
Bestätigung der von uns stets vertretenen Ansicht, daß
die Börse kein Kapital absorbiert, sondern alles,
was sie auf der einen Seite empfängt, auf der anderen
Seite an die Wirtschaft wieder abgibt (von dem Überkonsum
der Spekulanten abgesehen).“ Ich muß auch das
bestreiten, und es erscheint angebracht, die Frage noch
einmal zu erörtern.
Inzwischen ist auch eine eingehende Untersuchung des
Problems von Dr. Thomas Balogh in Schmollers
Jahrbuch, 1929, Heft 4, erschienen, und hat jene Ansicht
ebenfalls als falsch erwiesen. Der Verfasser erwähnt
aber nicht, daß ich sie schon längst bekämpft
habe, sondern nennt nur die obengenannten Vertreter
der gegnerischen Anschauung.
Vom Standpunkt einer dynamischen Betrachtungsweise
und meiner ihr entsprechenden abstrakten Wirtschafts-
und Geldlehre ist eigentlich ohne weiteres klar,
daß jene Behauptung falsch sein muß. Freilich sind so
allgemeine Formulierungen, daß „die Börse“ kein
Kapital gebrauche, überhaupt unwissenschafflich und zu
beanstanden. Denn sie sind ein typisches Beispiel für
die Fehler und verkehrten Fragestellungen einer heute
beliebten „institutionellen“ Betfrachtungsweise, statt
von den Menschen und ihren wirtschaftlichen Erwägungen
auszugehen. Die Börse ist keine Wirtschaft und
braucht daher überhaupt kein Kapital, Sie ist in der Tat
nur eine Durchgangsstelle ebenso wie der auch viel mißbrauchte
Ausdruck Markt, den diese wissenschaftlichen
Richtungen übermäßig verallgemeinern (gerade auch
wieder Adolf Weber). Kapital brauchen nur erwerbswirtschaftliche
Wirtschaftssubjekte und somit auch die
Börsenspekulanten oder, wie man auch hier gern ver-