421)] Würdigung der heutigen Einkommensverteilung. 463
kleiner, die Abnahme viel stärker, wenn man Familieneinkommen statt Censiteneinkommen
vor sich hätte. Bleiben immer unsere heutigen socialen Zustände für die unteren
Schichten schlimm genug, sehr viel besser ist es in den letzten 10—50 Jahren geworden,
und es kann sich weiter bessern.
Die großen volkswirtschaftlichen Urfachen, Bevölkerungs- und Kapitalbewegung,
Landüberfluß oder Landmangel, die Preisveränderungen des Weltmarktes bleiben eine
Hauptursache der ganzen Einkommensrerteilung. Aber sie sind nicht die einzige und
je nach Staats- oder Wirtschaftsverfassung oft nicht die wichtigste. Die ganze Wirt-
schafts- und Socialpolitik ist zuletzt der entscheidende Regulaivr; eine seudale oder
kapitalistische Klassenherrschaft kann leicht eine ungünstige sociale Einkommensverteilung
erzeugen; eine gerechte über den Klaffen stehende starke Monarchie und eine maßvolle,
die sociale Reform fördernde demokratische Staatsverfafsung können ausgleichend in die
Einkommensverteilung eingreifen. Wir kommen auf diese Zusammenhänge im letzten
Buche, in dem Kapitel über die sociale Entwickelung zurück.
Im übrigen werden wir das Resultat unserer Untersuchung so zusammenfassen
können. Die neuere Entwickelung hat mit den steigenden Klafsengegensätzen die Ver—
mögens- und Einkommensungleichheit stark vermehrt; aber diese Veränderung erfolgte
mehr stoßweise in den großen Aufschwungsperioden und sehr verschieden stark je näch
Volksgeist, Staats- und Wirtschaftsverfassung. Die Bedrohung des Mittelstandes und
Herabdrückung der stark zunehmenden unteren Klassen hat in den verschiedenen Ländern
sich ebenfalls je nach den mitwirkenden Ursachen sehr verschieden gestaltet und hat erheb—
liche Gegenbewegungen erzeugt. Die Wechselwirkung der socialen Klassen unter einander,
die steigende Gesittung und technische Bildung der Volksmassen bahnt, wo günstige
wirtschaftliche Voraussetzungen mitwirken, Zeiten der Ausgleichung an. Die zunehmende
Ausbildung aller Institutionen, die das Arbeitseinkommen beherrschen, geben diesem
eine wachsende Bedeutung gegenüber dem Vermögenseinkommen. Das Arbeuseinkommen
ist an sich leichter als das Vermögenseinkommen gerecht zu verteilen. Die neuen heutigen
Formen des Eigentums (Anteil an Aktien⸗ Genossenschaftsbesitz, Sparkassen u. s. w.) ge—
statten auch den mittleren und unteren Klassen, leichter als srüher an der Vermögens—
rente teilzunehmen.
Eine wachsende Zahl von Familien mit ererbtem Vermögen ist, ob die
Portionen etwas größer oder kleiner sein mögen, immer ein Fortschritt, wenn dieser
Besitz die Erziehung, die Fähigkeiten, das Familienleben, die Charaktereigenschaften hebt,
wenn er Kraftüberschuß für höhere Zwecke schafft. Aller Vermögensbesitz und besonders
der große wird social schädlich, wo er nicht sowohl die Individuen und Familien auf
höheres geistiges und sittliches Niveau hebt, das Können, das Wollen, die Leistungen
steigert, als zur Anweisung auf Lebensgenuß oder auf die Abwege der Faulheit, des über—
triebenen Luxus, der frivolen Genußsucht führt. Nur wird eine hohe wirtschaftliche Kultur
nie ganz ohne solche Gefahren sich ausbilden können. Sie werden bedenklich, wenn
ungesunde Tendenzen und Anschauungen die Massen ergreifen, wenn diese die faulen
Drohnen auszustoßen und bei Seite zu schieben nicht mehr die Kraft haben. Ob und
wo wir heute schon so weit find, wird nicht leicht zu sagen sein: der Peffimist glaubt
es, wer an seinem Vaterland nicht verzweifelt, hofft, daß wir das Faule überwinden
werden. Er hofft es vor allem, wenn er das kräftige und gesunde Aufsteigen der unteren
Klaffen und der Mittelstände beobachtet, das neue gesunde Blut, das in die oberen
Klassen täglich einströmt, in Rechnung zieht.
Das praktische Gesamturteil über das Problem ist deshalb so schwierig, weil die
zunehmende Ungleichheit des Einkommens zunächst ein Instrument des individuellen
und gesellschaftlichen Fortschrittes ist, von einem gewissen Punkte an aber freilich durch
ihre Wirkung auf die Individuen und die Gemeinschaft versteinernd, depravierend, ver
giftend wirkt.