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Auch die Provinz Hannover ist weit mehr an der
Vieh Wirtschaft interessiert als am Getreidebau. Nach einer
Enquete des früheren nationalliberalcn Parteisekretärs F 1 a t h -
mann 1 ) hatte die überwiegende Anzahl der befragten Land
wirte kein Interesse für Getreidezölle, lehnte sie vielfach direkt
ab und nur gelegentlich wurde eine Erhöhung der Viehzölle
verlangt. Dasselbe gilt für die Bauern in Pommern * 2 ). Der
Reichskanzler Fürst Hohenlohe stellte in seiner Reichs
tagsrede vom 25. März 1895 fest, daß im ganzen Reich nur
21 % der landwirtschaftlichen Bevölkerung an hohen Getreide
zöllen interessiert seien. Nach einer Privatarbeit von Rudolf
König 3 ) sollen im Großherzogtum Hessen von 28501 klein
bäuerlichen Betrieben 16 809 Betriebe von 2—5 ha Getreide
über den eigenen Bedarf erzeugt haben. Allerdings in so gering
fügigen Mengen, daß es fraglich ist, ob der Nutzen durch den
erhöhten Getreidepreis durch andere Mehrausgaben infolge
der allgemeinen Zollerhöhung nicht mehr als aufgewogen wird.
Aus allen diesen Zeugnissen geht deutlich hervor, daß der
Schwerpunkt der Interessen des eigentlichen Bauerntums
längst nicht mehr im Getreidebau liegt, sondern in der Vieh
zucht begründet ist und in ihr gute Aussicht auf steigende
Einnahmen hat. Ganz anders ist der Großgrundbesitz am
Getreidebau interessiert. Das zeigen auch die neueren Unter
suchungen Roncadors 4 ), des Sohnes eines preußischen Ritter
gutsbesitzers: Die Betriebe unter 2 ha erzeugen meist nicht
x ) Flat h mann, Die Landbevölkerung der Provinz Hannover
und die Agrarzölle. (Berlin 1902 bei Alex. Duncker.)
2 ) W. Euboff, Die hinterpommersche Landgemeinde Schwessin,
die Lage ihrer Landwirte und ihr Interesse an den Getreidezöllen. (Berlin 1903.)
3 ) Rudolf König, Statist. Mitteilungen aus 62 kleinbäuerlichen
Betrieben über Erzeugung, Verbrauch, Verkauf und Zukauf von Getreide
(Gießener Doktordissertation. Jena 1901.)
4 ) Bruno Heinrich Roncador, Wesen und Wirkung der
Agrarzölle. (Jena, Gustav Fischer 1911.)