Object: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

4. Der deutsche Kaufmann im Ausgange des Mittelalters. 81 
Die reichen Kaufleute jener Zeit muffen eine überaus angesehene Stellung ein 
genommen haben. Die Äußerung des guten Gerhard, auch als Königstochter könne 
eine diesen Namen fahren lassen und ein „koukwlp" heißen, zeigt den Stolz des 
selben, und der Dichter läßt ihn überdies zu hoher Stellung und Ehre gelangen. In 
diesem Gedicht findet sich keine Spur des Zurücktretens des Kaufmanns vor dem 
Adel. So büßen z. B. auch in dem Eudrungedicht die hegelingischen Helden, die 
als Kaufleute verkleidet zu König Hagen kommen, durch diese Verkleidung nichts 
an Ehren bei ihrem Empfang ein. Wie Ritterbürtige damals Kaufmann wurden, — 
jener WlmLr in Laon „war aus Ritterblut geboren" — so konnten Kaufleute auch 
Zu Rittern geschlagen werden. So empfängt im guten Gerhard der Sohn des 
Alten die Ritterweihe. Immerhin war ihm aber doch damit eine besondere Ehre 
erwiesen: 
„Düi sun der ist ein koufman 
Und noch ein harte stolzer kneht 
Der sol dienstmannes reht 
Emphähen unde leiten swert, 
In riterschefte werden wert. 
Der weide hoehste werdekeit 
Bejagt ein man, der wäpen treit 
Alsus wil ich dich stiuren 
Und dine saelde tiuren.“ 
Es war also in dieser Zeit noch der Handel durchaus mit der Ritterwürde ver 
einbar, und erst die unfreiwillige Auswanderung vieler alter Geschlechter aus der 
Stadt, das Heraufkommen der reichen Zünftler und ihre Versippung mit der kauf 
männischen Stadtaristokratie brachten eine Spaltung zwischen dieser und dem nun 
mehrigen Landadel hervor. Eine Ausgleichung der Standesunterschiede darf man 
jedoch nicht annehmen. Eine Ehe zwischen Ritter und nicht ritterbürtiger Kauf- 
Mannstochter blieb Mesalliance. — Die ritterliche Lebenshaltung war für den Groß 
kaufmann übrigens noch lange ein Muster, auch als der Glanz des Rittertums 
immer mehr erblaßte. Er geizte nach dem Ritterschild, und seine Hausfrau suchte 
bunte rittermäßige Kleidung und Ringe zu tragen. Ritterliche Spuren tragen die 
kaufmännischen Genossenschaften wie die des Artushofes in Danzig noch lange. 
Es klingt wie das Testament eines Ritters, wenn Ulman Stromer im 14. Jahr 
hundert letztwillig bestimmt, daß all sein Harnisch und Waffen sowie seine Lehn 
güter — Landgüter sind damals ein regelmäßiger Besitz reicher Bürger — seinen 
Söhnen anheimfallen sollen, daneben kommt freilich die Papierfabrik. 
Es führen uns diese Fragen auf das soziale Ansehen, das der kaufmännische 
Beruf als solcher damals hatte. Im klassischen Altertum hat derselbe eigentlich vor 
wiegend in Mißachtung gestanden: auch der Großhandel der späteren Zeit hat nur 
praktisch, aber nicht theoretisch darin etwas geändert. Dem feudalen System des 
Mittelalters konnte jene Anschauung auch nur entsprechen. Schärfer aber noch wirkte 
m bezug auf die theoretische Beurteilung jene Macht, in der sich das gesamte geistige 
Leben konzentrierte, die Kirche. Praktisch hat die Kirche, wie die gesamte materielle 
Kultur, so auch den Handel in richtiger Erkenntnis der Bedürfnisse der Bevölkerung 
außerordentlich gefördert, theoretisch hat sie ihn aufs schärfste verurteilt. In bezug 
auf das weltliche Leben war das kirchliche Ideal ja überhaupt schlechthin negativ: es 
hieß Askese und Weltverneinung: ein Ideal, das sich aber nur in gewissen Zeiten 
stärker in den Gemütern der Menschen festsetzen konnte und festgesetzt hat. So war 
auch schon der Reichtum als solcher, den das klassische Altertum sehr hoch geschätzt 
hatte, der Kirche in der Theorie verhaßt. Da kann die Verurteilung des Handels 
nicht wundernehmen. Freilich hatten die wirklichen Verhältnisse schon früh dazu 
Mollat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Ausl. ß
	        
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