Amsterdam war es, das mit Antwerpen und Hamburg um den
ersten Rang stritt, sondern Rotterdam; Amsterdam hatte einen
nicht unbedeutenden Handel, namentlich in Kolonialprodukten,
während es seine alte Vormachtstellung im Getreidehandel längst
eingebüßt hatte; seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bewies es
vorzüglich aber in seiner Börse, mit der es der Mittelpunkt eines
weitverzweigten Geld- und Fondsgeschäfts war und blieb. Dieser
Wandel war im wesentlichen auf die Veränderungen im Verkehrs-
wesen zurückzuführen, die die natürlichen Vorzüge Rotterdams
mehr als einst zur Geltung kommen ließen.
Nicht nur die ersten Hafen- und Seestädte waren Amsterdam
und Rotterdam, vor denen die früher nicht unbedeutenden Hafen-
plätze, wie Enckhuizen, Middelburg u. a. m. jetzt völlig in den
Schatten traten; nicht nur konzentrierte sich hier das Geldgeschäft.
In beiden Städten sammelte sich nun auch mehr denn einst die
große Industrie. Der Seeschiffbau sah sich schon durch die Wasser-
verhältnisse gezwungen, die Mündungen der Hauptströme auf-
zusuchen, verließ deshalb die kleinen Plätze und ging nach der
Maas und dem Ij. Denselben Weg nahm der Holzhandel, der nicht
mehr an der Zaan und in Dordrecht, sondern in Rotterdam und
Amsterdam seine Mittelpunkte fand. Selbst von der Schiffahrt
unabhängige Industrien, wie die Kakao- und Chokoladenfabrikation
konzentrierten sich fast ganz um Amsterdam Wieder, wie
früher, gab die Entwicklung der großen Städte
dem Wirtschaftsleben des Landes die beson-
dere Färbung; der Drang nach der See, nach schiffbaren
Wasserstraßen beeinflußte die Standorte der Industrie in hohem
Grade. Wenn der größere Teil der Industrie in anderen Teilen
des Landes verblieb, so änderte das wenig an der engen Verbin-
dung, die die genannten Seestädte mit der Gesamtindustrie ver-
knüpfte; gegen einst unterschied sich diese Verbindung nur durch
die Form, die allmählich einen völlig kapitalistischen Charakter
angenommen hatte.
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