Metadata: Neuere Zeit (Abt. 2)

70 Neunzehntes Buch. Viertes Rapitel. 
und flutete die Strömung über die südgermanischen Grenzen 
hinaus nach den Ostseeprovinzen, nach Schweden und Dänemark. 
Indem aber so die Bewegung allgemein ward, trat das 
speziell theologisch-pastorale Element in ihr immer mehr zurück: 
wie denn die Zeit der Entwicklung des weltmännischen Bildungs⸗ 
deals überhaupt eine Emanzipation des Laienlebens von der 
Beistlichkeit brachte. So wurden schon um 1677 gelegentlich 
Collegia biblica ohne Beteiligung von Geistlichen abgehalten, 
und bald übernahmen an nicht wenigen Orten sogenannte 
schöne Seelen aus dem Laienstande die Führung. Damit ver— 
banden sich dann früh unmittelbar kirchenfeindliche Erscheinungen: 
Enthaltung vom Abendmahl, Ausmalung der kirchlichen Zustände 
der Gegenwart als der des Babels der Offenbarung und der— 
gleichen; und schon 1682 war es daraufhin in Frankfurt, 
einem der Ursprungsorte der Bewegung, zur Separation von 
der Kirche und danach, wie von nun ab nicht selten, zur Aus— 
wanderung der separatistischen Elemente, diesmal nach Penn— 
sylvanien, gekommen. Vergebens, daß Spener bereits 1684 in 
riner besonderen Schrift seine Stimme gegen diese Gefahr er— 
hob; sie blieb gleichwohl bestehen und führte, namentlich in dem 
bon jeher dem Sektierertum zugeneigten Schwaben, zu mancher 
unglückseligen Gemeindebildung. Denn mit der Verkündigung 
einzelner dogmatischer Abweichungen vom Landeskirchentum 
verknüpfte sich nicht selten die Aufnahme chiliastisch-enthusiastischer 
Elemente; Personen wie die Asseburg traten auf, die sich in⸗ 
spiriert glaubten; und sittliche Entgleisungen vervollständigten 
das Bild einer trüben Gärung, die etwa um 1700 ihren Höhe— 
ounkt erreichte. 
Dazu kam, daß es, wie stets in solchen Fällen, auch an 
Einzelpersonen nicht fehlte, die trotzig eigene Wege radikalen 
Denkens und Empfindens wandelten. Zu diesen gehörten z. B. 
der schon genannte Gießener Theologe Gottfried Arnold (1666 
bis 1714), der Verfasser der „Unparteiischen Kirchen- und Ketzer⸗ 
histories1, und der noch radikalere Johann Konrad Dippel 
S. oben S. 121.
	        
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