Object: Theoretische Sozialökonomie

$ 79. Die Kapitalknappheit der Hochkonjunktur. 553 
Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den Eisenbahnen und ähn- 
lichen großen Unternehmungen. Eisenbahnen werden nicht zum Ver- 
kauf gebaut, die Unternehmer sind in der Regel weit kapitalkräftiger 
und können, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, das nötige 
Kapital beschaffen. Dies gilt natürlich ganz besonders von Staats- 
bahnen. Dazu kommt, daß die Herstellung einer neuen Eisenbahn 
viel längere Zeit als ein gewöhnlicher Hausbau in Anspruch nimmt. 
Da eine Eisenbahn, die sich schon im Bau befindet, auch wenn die 
Kapitalbeschaffung etwas teuer werden würde, soweit irgendmöglich 
vollendet werden muß, so versteht man, daß der Eisenbahnbau, trotz 
der Anspannung des Kapitalmarkts, eine geraume Zeit fortgesetzt 
werden wird. Was hier von den Eisenbahnen gesagt worden ist, gilt 
mehr oder weniger auch von anderen großen Unternehmungen, wie 
z. B. Straßenbahnnetzen, Kanälen, Elektrizitätswerken usw. 
Man versteht dann’ auch, daß, trotz der erschwerten Kapitalbe- 
schaffung, die Produktion von festem Kapital und den Materialien dazu 
die aufsteigende Bewegung noch eine Zeit fortsetzen kann. In der 
letzten Zeit der Hochkonjunktur ist für die Bautätigkeit und die dafür 
arbeitenden Industrien eine andere Entwicklung als für die sonstige 
Kapitalproduktion zu erwarten. 
Diese Verschiedenheit kam in Deutschland im Jahre 1907 sehr 
deutlich zum Vorschein. Schon vom Anfang des Jahres an wurde von 
der bedrückten Lage des Baugewerbes berichtet und diese Lage auf die 
teueren Geldverhältnisse zurückgeführt. Die Zweige der Eisenindustrie; 
in denen eine Verschlechterung gegenüber dem Vorjahre zuerst eintrat; 
waren eben diejenigen, die eiserne Baumaterialien herstellen. Auch 
wurde der Versand des Stahlwerksverbandes in Halbzeug und Form- 
eisen im Jahre 1907 dem Vorjahre gegenüber nicht unwesentlich be- 
schränkt, wogegen der Versand von Eisenbahnmaterial wesentlich stieg. 
Die Verschiedenheit der Entwicklung ist aus den folgenden Ziffern (in 
tausend Tonnen) ersichtlich!): 
1905 1906 1907 
Halbzeug 1911 1862 1558 
Formeisen 1673 1936 1699 
Eisenbahnmaterial 1631 1936 2327 
Zusammen: 5215 5734 5574 
Die größte Verschiedenheit in der Entwicklung zeigt sich in den 
letzten Monaten des Jahres 1907, wo sowohl. für Halbzeug wie ganz 
besonders für Formeisen der Versand sehr erheblich zurückging, während 
der Versand von Eisenbahnmaterial noch bedeutend stieg. 
_. Die großen Verkehrsunternehmungen werden oft durch die er- 
schwerte Kapitalbeschaffung in.der eigentlichen Hochkonjunktur zu ge- 
ı) Volkswirtschaftliche Chronik. 1907, p. 695 und. 772. 
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