Metadata: Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

132 
Erwin Respondek, 
vertrauensvollere Bahn zu bringen. Für den glatten Fortgang des Ge 
schäftes war dies sehr hinderlich. Das Moratorium schützt die Banken 
vor zu hohen Geldentziehungen, dennoch hielten sie sich von der Ge 
währung neuer Kredite fast vollkommen zurück. Die Wirtschaftenden, 
vor allem die solide Industrie, empfanden auch dies besonders schwer, 
weil es ihnen unmöglich wurde, mit eigenen Mitteln den Betrieb im 
erwünschten, verstärkten Maße wieder aufnehraen zu können. 
In dieser passiven Haltung verharrten die Banken längere Zeit 
zum Nachteil der mit ihnen arbeitenden Kunden und damit auch zum 
eigenen Schaden. Ihre Kreditwürdigkeit hat hierdurch sehr gelitten. 
Nichts beweist das besser, als die Notwendigkeit, sich gegen die ver 
schiedensten Anschuldigungen und Vorwürfe zu verteidigen, ihre Lage 
und Politik zu rechtfertigen. In den Jahresberichten für 1914 sind 
denn auch vornehmlich Loblieder auf ihre Arbeit zu finden. So versichern 
sie, daß es den kleinen und mittleren Kunden keineswegs an hinreichendem 
Diskontkredit mangeln konnte, da sie ihnen, freilich soweit es mit den 
Erfordernissen einer flüssigen Kasse in Einklang zu bringen war, bereit 
willigst ihre Hilfe zur Verfügung stellten. Sie beteuern auch zum Teil 
ihre Unschuld an dem Darniederliegen des Wirtschaftslebens, das allein 
durch das allgemeine Moratorium nicht wieder aufleben könnte. Sie 
seien unschuldig. Aber in ihren Berichten sind bisweilen direkte Wider 
sprüche zu entdecken. Im Widerspruch mit ihren Unschuldsbeteuerungen 
sind z. B. die Mitteilungen des Comptoir National im Geschäftsbericht 
für das Jahr 1914. Hier sagt die Bankleitung wörtlich: „Um voll 
kommen zu den normalen Arbeitsmethoden zurückzukehren, haben 
wir natürlich warten müssen, bis der Finanzminister in seinem Expose 
im Dezember 1914 anerkannte, daß die Bank von Frankreich sich bereit 
erklärt, zu den gleichen Bedingungen zu rediskontieren wie vor dem 
Kriege“, und weiterhin; „Sobald diese Versicherung gegeben wurde, 
haben wir bezüglich der Depots auf jegliche Einschränkung verzichtet 1 )“. 
Diese Stellungnahme der einen Bank ist sehr bezeichnend. Sie ist 
auch verständlich, beweist aber zugleich, daß die Banken aus sich heraus, 
aus eigener Initiative auf eine Verbesserung ihrer Lage nicht hinwirken 
konnten und wollten. Insoweit können sie sich vor den Anfeindungen 
ihrer Depositen-Gläubiger nicht bewahren und deren Rechtmäßigkeit 
nicht erschüttern. 
Die Stellung der Kreditbanken in der französischen Volkswirtschaft, 
ihr geschildertes eigenartiges Verhalten im Kriege gegen Handel und 
Industrie, das im wesentlichen auf eigene Vorteile bedacht und der Arbeit 
der Unternehmenden nur hinderlich ist, hat auch der Finanzminister 
R i b 01 in seiner Kammerrede vom 12. Dezember 1914 gegeißelt. 
Er wies in vorsichtiger Weise auf ihre Lage hin und die Fehler, die von 
ihnen vor dem Kriege gemacht wurden und zu den heutigen Schwierig 
keiten geführt haben. Er stellte die in der Bankwelt große Erregung und 
Aufsehen erregenden Thesen auf, daß erstens die Banken die Gelder ihrer 
9 L'Economiste Franjais i. Mai 1915, No. 18, S. 573.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.