Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 208
Bestrebungen von Thomasius begonnen hatte: die erste Ent⸗
wicklungsstufe der Bildung popularisierte die Wissenschaften.
Haͤnd in Hand mit dieser Entwicklung der Wissenschaften
zu einem sozialen Ferment, ja ihr teilweise voraus, ging, wie
Goethe das auch andeutet, ihre Vefreiung von der Herrschaft
—V soweit gelungen, daß
sich die Folgen, die sich in den Wissenschaften für die einzelnen
koukreten Fragen teilweise erst viel später einstellten, in den
sittlichen Beziehungen der Gesellschaft zur Wissenschaft geltend
zu machen begannen. Man sah jetzt in der Emanzipation der
Wissenschaften von der Theologie und in der immer stärkeren
Entwicklung eines breiten wissenschaftlichen Interesses Vor⸗
gänge, die es gestatteten, sich auf deren Ergebnisse als sichere
Errungenschaften der Vernunft auch bei dem vollen Ausbau
einer beränderten Weltanschauung zu stützen: die Aufklärung
und mit ihr die Popularphilosophie jenseits der Mitte des
18. Jahrhunderts zogen herauf. Und hier war es denn
namentlich das schier unerschöpfliche Thema von der Glück—
seligkeit, das immer und immer wieder angeschlagen wurde:
zum Beweise, daß den Menschen dieser Zeit noch immer mehr
das Individuum als solches, als das Individuum in seinem
sozialen Zusammenhange fesselte.
Schon vorher aber hatte sich eine andere Wendung voll⸗
zogen, die schließlich über die Aufklärung weit hinausführte.
Indem die Wissenschaft in der Popularisierung praktisch zu
verden begann, verlor sie zunächst viel leeren Kram, viel
Pedanterie, viel Zunftstolz. Als dann aber der große Hochzeits⸗
tag nahte, da sie sich ganz dem Leben vermählen sollte, da
begann sie sich teilweise in der Richtung auf heitere Kunst,
auf freundliche Impromptus, auf frische Lebensweisheit vor—
wärts zu strecken: sie wollte belehren, unterhalten, erfreuen:
die Periode der sogenannten schönen Wissenschaften brach an;
und indem sie zugleich die Zeit einer letzten, gekünstelten, für
lehr⸗ und lernbar erachteten Poesie des Rationalismus war,
schien es, als ob die ewigen Schranken zwischen Dichtung und
Wissenschaft zu fallen bestimmt seien.