Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 201

Heutzutage, in Zeiten, da der Gegensatz von Bildung
und Unbildung die umfassende Bedeutung der sechziger bis
achtziger Jahre, wenn nicht der zweiten Hälfte des 19. Jahr⸗
hunderts überhaupt zu verlieren beginnt, gilt als Merkmal
des Gebildeten entweder der Besitz einer bestimmten geistigen
Ausbildung vornehmlich verstandesmäßiger Art, oder der Be—
griff wird gar nur auf wirtschaftlich⸗soziale Motive bezogen:
so fieht z. B. Paulsen das entscheidende Kennzeichen des Ge—
bildeten darin, „ob einer selbst mit der Hand arbeitet oder
andere anweist, für ihn zu arbeiten“. Mit der ersten dieser
beiden Auffassungen ist das Wort, eine in der Geschichte des
Verfalls der Begriffe häufige Erscheinung, nach einer über—
mächtigen Ausdehnung seines Sinnes dem nächsten, äußeren
Eindrucke nach zu seiner ursprünglichen Bedeutung zurück—
gekehrt. Denn als gebildet galt ursprünglich, wer mit starker
Verstandesdurchbildung, so, wie sie etwa der vollständige Unter⸗
richt einer Mittelschule, insbesondere aber eines Gymnasiums
gewährte, eine gewisse Bildung des Herzens, das, was man in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Humanität zu nennen
begann, verband.
Dieses Wesen der Bildung ergibt schon, daß sie ihre Ent—
stehung noch dem ausgehenden Rationalismus, ihre volle Ent⸗
faltung aber erst dem frühesten Emporblühen des Subjektivismus
verdankte; um 1800 konnte sie als voll entwickelt gelten; und
das Wort „volkstümlich“, das der Turnvater Jahn aufbrachte,
stand zu ihr schon in einem gewissen Gegensatz.
Behält man diese Zusammenhänge im Auge, so erscheint
es als selbstverständlich, daß die Entwicklung der Bildung mit
der Übertragung der höchsten speziell verstandesmäßigen Kultur
des ausgehenden Individualismus in breite Schichten der Nation
begann. Hierzu aber war die Übertragung dieser Kultur, die
sich noch durchweg des Lateinischen und dazu nicht selten auch
einer ungewöhnlichen Masse von Kunstausdrücken bediente, in
gemeinfaßliches Deutsch die erste Voraussetzung. An der Zu—
nahme der deutsch geschriebenen Bücher wird man mithin bis
zu einem gewissen Grade ihre Entstehung und ihren Sieg ver—⸗
            
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