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Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
Wohl mehr als irgend ein anderer Verleger gelitten. Nicht bloß mit der „Allgemeinen
Zeitung", sondern auch mit dem „Morgenblatt" und mit dem „Ausland", dann mit
dem kurzlebigen „Inland", das in der Literarisch--artistischen Anstalt zu München unter
Wirths Mitwirkung im Jahre 1830 einige Zeit erschienen ist.
Soweit cs damals überhaupt unabhängige Tages- und Wochenblätter gab, waren
diejenigen Cottas die bedeutendsten. Sie waren ganz im Geiste des Eigentümers re
digiert, liberal, aber höchst gemäßigt in der Form, auf Wahrheit und allseitige Ge
rechtigkeit gerichtet, so zahm und gehalten, wie es mit der Anabhängigkeit und mit
liberaler Gesinnung überhaupt verträglich war. Amsomehr ergibt die Mißhandlung,
welche Cotta durch die Zensur erlitten hat, den Maßstab für die Ausschreitungen,
welche die Heilige Allianz durch die Zensur auch gegen die bescheidenste Freiheit der
Geister sich erlaubt hat. Aus der quellenmäßigen Anschauung dessen, was man damals
einem Manne wie Cotta bot, lernt man daher erst ganz die Spannung und einmütige
Erbitterung aller anständigen Leute begreifen, tvie sie nachmals in den Märztagen von
1848 zur Entladung gekommen sind. Wenn man heute über den 1848 er Liberalismus
und über dessen Äbertreibungen der individuellen Freiheit auf Kosten großer Gesamt
interessen der Gesellschaft klagen hört, so sollte man so billig sein, zu bedenken, wie
viel die vormärzliche Reaktion dazu beigetragen hat, den Liberalismus zur Einseitigkeit
zu steigern.
Das Verletzendste war die Behandlung im Jahre 1831, als die durch die Juli
revolution geschaffene liberale Strömung bereits wieder gestaut wurde. Cotta hatte der
Kunstliebe des Königs Ludwig zulieb die größten Opfer gebracht und ihm zu Ge
fallen in seinem Münchener Kunstverlag ganz außerordentliche Summen gewagt und
häufig geopfert. Er hatte dann auf Wunsch der freisinnigen Minister im Jahre 1830
nicht ohne Widerstreben das „Inland" als „ministerielles Blatt" gegründet und zur
Vertretung der liberalen Ideen aus seinem Beutel zur Verfügung gestellt, ohne auf
dieses Blatt, welches die Regierung auch durch den Zensor in der Gewalt hatte, selbst
einen fortlaufenden Einfluß zu nehmen. Am 7. April 1831 noch hatte Graf Armans-
Perg den damaligen Kauptmitarbeiter des „Inland", Wirth, während der Sitzung der
Stände zu sich rufen lassen und diesem auf das dringendste empfohlen, sich im Kampf
gegen die Feinde des konstitutionellen Prinzips nicht irremachen zu lassen und selbst
einer Einsprache Cottas kein Gehör zu geben, da er, Armansperg, für die Folgen
einstehen werde; dies alles berichtet Cottas Vertreter in München in einem noch vor
handenen Briefe vom 8. April 1831 an den Eigentümer nach Stuttgart. Kaum war
Cotta nach München gekommen, so ließ ihm der König wegen desselben Blattes seine
Angnade bezeigen, ohne ihn auch nur zu hören, — zwei Jahre, nachdem Cotta in Berlin
den Handelsvertrag verinittelt hatte! Da schreibt Cotta einen Brief voll sittlicher Vor
nehmheit direkt an den König.
Wir wollen nur den Eingang und den Schluß desselben abdrucken: „Eure
Königliche Majestät! haben mich durch Freiherrn von der Tann wissen lassen, daß
Allerhöchstdieselbe mir Ihre Gnade entzogen hätte, weil das „Inland" eines der
hefttgsten Oppositionsblätter geworden sei. Ich bedaure dies von Kerzen wegen meiner,
ich würde es aber noch weit mehr wegen Eurer Königlichen Majestät bedaucm müssen,
wenn diese Gesinnung fortbestehen sollte, da Allerhöchstdieselbe dadurch eine An
gerechtigkeit begehen würde. Denn was Eurer Königlichen Majestät am „Inland"
auch mißfallen mag, ich trage die Schuld nicht davon. Meine Anschuld geht aufs
deutlichste hervor aus meinem Schreiben an E. Majestät vom . . . März, welches
E. M. Minister des Innern vorgelegt zu haben versichert."
Cotta weist hierauf in längerer, schlagender Ausführung nach, daß das Blatt
lediglich die mit der Regierung vereinbarte Richtung eingehalten, und daß der Zensor,
der eine Abweichung von dem der Regierung genehmen Wege hätte rügen müssen, nichts