514 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. 972
treibende Ursache der neuen Klassenbildung, der große Grundbesitz ist die Folge, große
Leistungen politischer, kirchlicher, wirtschaftlicher Art sind die Mittel des Emporsteigens
im einzelnen.
Das ältere germanische Königtum von den Goten bis zu den sächsischen Kaisern
ist durch die vorhin (S. 511) erwähnten Ursachen emporgekommen, hat gleichsam vom Sattel
aus kriegerisch und heroisch regiert, hat in kühnen heldenhaften Familien seinen Aus—
druck gefunden. Es ist rasch dürch Eroberung und Guͤterkonfiskation, durch das Boden⸗
regal, durch die Ubernahme der Markenleitung zu einem ungeheuren Bodenbesitz gekommen.
Dieser gesiattete ihm, als die Wehrpflicht der kleinen Ackerbauern unmöglich wurde,
seinen Hof- und Bezirksbeamten (den Grafen), seinen Gefolgschaften und Reitersleuten,
bebenslänglichen Grundbesitz als Benefizium zuzuweisen, was zuerst eine ungeheure
Stärkung des Königtums bedeutete; alle diese Beamten, Diener, Reiter schwuren als
vassi dem König den Treueid. Der große Grundbesitz wurde vom König und seiner
Amtsaristokratie zur Ausbildung der großen Grundherrschaften benutzt (vergl. I8 104);
diese bedeuteten technischen, wirischaftlichen, organisatorischen, arbeitsteiligen Fortschritt.
Als aber die Benefizien erblich wurden, Benefizialwesen und Vasallität
zum Lehnswesen verschmolzen, Ämter und Grundbesitz sich unlbslich, wie ein Privatrecht
der Beliehenen, miteinander verbanden, da wurde aus den Senioren, Herzögen, Grafen,
Bischöfen und Äbten ein hoher Adel, der bald dem Königtum Widerstand leistete. Für
Jahrhunderte löste sich die Regierung in Fehden zwischen König und hohem Adel auf;
der hohe Adel führte in engerem Gebiete Fortschritte aller Art durch, er wurde in Deutsch—
land von 12001500 zum Fürstentum; die Auflösung des Reiches in Territorien war
damit gegeben. Im mittleren Frankreich wurde der König schon im 18., in ganz
Frankreich 1300 —1650 Herr über den hohen Adel. In England hat der normannische
Lehnskönig einen hohen selbständigen Adel gar nicht aufko mmen lassen, indem er nur
zerstreute Lehen überirug, die unteren Lehensleute direkt an sich band. Im übrigen ist
die ganze Entwickelung des hohen Adels in den verschiedenen Ländern fast mehr eine
politisch.administrative als eine sociale Thatsache. Sein großer Besitz ist aus politi—
schen Ursachen entstanden, hat wesentlich den volitischen Zwecken der Kleinstaatsbildung
gedient.
Ähnliches läßt sich von der katholischen Kirche und ihrem ungeheuren
Grundbesitz sagen, der wie der königliche zu Grundherrschaften, Vasallen⸗ und
Lehnsbenefizien führte, im übrigen kirchlichen, Erziehungs-, humanen Zwecken diente.
Schon im 8. Jahrhundert war er so riesenhaft, daß. die Karolinger einen großen Teil
für Staats- und Militärzwecke säkularisierten. Ähnliches hat sich später bis ins
19. Jahrhundert da und dort wiederholt. Unter den Ottonen wurden die Bischöfe in
Italien und Deutschland mit Grafenrechten ausgestattet, willfährige und geschäftskundige
Diener des Kaisers. Nirgends sieht man deutlicher als hier, daß nicht der große Besitz
den Stand, sondern die Leistungen des Standes den großen Besitz schufsen. In den
kirchlichen Gebieten waren die geistlichen Herren lange Vertreter des technischen Fort—
schrittes und gütige Herren ihrer Bauern, förderten zuerst auch die Städte. Erst als
Kaiser und Papst um die Herrschaft stritten, erst als die katholische Kirche ein poli⸗
tisches Herrschaftsmittel des Papstes, die Domkapitel fette Pfründen des Adels wurden,
verior der große kirchliche Grundbesitz zu einem großen Teil seine innere Rechtfertigung,
zumal als im 15. Jahrhundert auch die Kloster-und die Pfarrgeistlichkeit tief sank, das
Pontifikat unter den Borgias und Medicis zu einem kunsiliebenden, aller Sittlichkeit
und Religiofität baren oligarchischen Tyrannenhof wurde.
Unler dem weltlichen und geistlichen hohen Adel entwickelten sich in ganz Europa
aus den Gefolgschaften der älteren Könige die Reitersleute, die vom 8. — 14. Jahrhundert
deren Kriege und Fehden führten. Freie und Hörige traten in diesen ehrenvollen Beruf
ein. Ein sester Lebensgang, mit bestimmten Stufen, die Ritterwürde als Ziel, entwickelte
fich; genossenschaftliche Organisationen der Ritter bildeten sich. Ursprünglich beim Herrn,
auf seinen Burgen lebend, erhalten die Reiter einige Hufen zu Lehen; selten in älterer
Zeit (bis ins 18. Jahrhundert) mehr als 8—8, wopon sie außer sich selbst 2—3 berittene