Object: Neuere Zeit (Abt. 2)

202 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
die „commodité“ des Ganzen zu erreichen, ergoß sich die 
ganze Kunst, und in dieser Richtung prägte sich die volle ästhe⸗ 
tische Anschauung des Zeitalters in schließlich ganz anderen, 
als barocken, und anfangs doch dem Barock noch sehr nahe⸗ 
tehenden, sowie ihm dauernd verwandten Formen aus. 
Der erste große Meister, der die soeben geschilderte Ten— 
denz deutlich zum Ausdruck brachte, war Charles Lebrun 
1619 1690). Er ahmte jene Mischung von Plastik, Malerei 
und Architektur nach, die etwa den barocken Dekorationen des 
Palazzo Pitti in Florenz zugrunde liegt; aber er tat das nicht 
in unmittelbarer Aneignung, sondern er bildete die italienischen 
Motive zu jener feineren Formensprache, zu jener halb klassischen 
Mäßigung um, die sich noch eben mit der Außenarchitektur 
eines Mansart oder Levau zu vertragen schien. So hat er, 
seit 1660 zum Direktor der königlichen Gobelinmanufaktur und 
seit 1I662 auch zum Leiter der Manufacture royale des moubles 
de ia couronne ernannt und bald ausschlaggebender künstlerischer 
Berater Ludwigs XIV., der seinerseits wiederum seinen Ge⸗ 
schmack mitbestimmte, bis zu seinem Tode, ein ganzes Menschen⸗ 
alter hindurch, eine der wichtigsten Stellungen in der französischen 
Kunstwelt eingenommen. Er war der Schöpfer jenes trium⸗ 
vhierenden und doch maßhaltenden Innenbarocks der wichtigsten 
Verkehrsräume im Schlosse von Versailles sowie der Apollo— 
zallerie des Louvre; er hat die Gallerie des glaces in Ver— 
sailles in ihrer gewaltigen Großförmigkeit gebaut und damit 
den in dieser Hinsicht auch dem gegenwärtigen Frankreich noch 
so teuren Spiegel als architektonisches Dekorationsstück ein— 
geführt; und seine Innenkunst hat schließlich auch die palladiesk⸗ 
klassizistischen Neigungen der Architekten, wie fie seit 1671 in 
der neuen Akademie der Baukunst vertreten waren, zu übrigens 
mäßigen Zugeständnissen an die außerhalb Frankreichs herrschende 
Architektur des Barocks gezwungen. Allein die Richtung Lebruns, 
die man als eine dem italienischen Barock verwandte bezeichnen 
kann, begann eigentlich schon mit seinem Tode abzusterben. 
Und die endgültige Wendung zu einer Art neuen Stils kam 
schließlich nicht von der Dekoration im umfassenden Sinne
	        
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